
Korndieme bei Soest, 1888 |
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Die Wolke, 1890 |
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Sommerlicher Moorgraben, um 1904 |
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Überschwemmung bei Fischerhude, 1933 |
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Zum Werk Otto Modersohns
Das Werk Otto Modersohns wird in drei Hauptabschnitte unterteilt.
Jugend und Akademiezeit sind unter dem Begriff "Frühwerk - Westfalen" zusammengefasst.
"Worpswede" setzt mit der Entdeckung dieses Ortes durch Fritz Mackensen
und Otto Modersohn im Sommer 1889 ein. "Fischerhude" schließlich
beinhaltet die Jahre nach 1908, als der nunmehr 43-Jährige Worpswede
verlässt und nach Fischerhude zieht. Diese Zeit schließt auch jene Bilder ein,
die während Modersohns Reisen nach Franken in den zwanziger Jahren
und seiner Aufenthalte in seinem Haus im Allgäu ab 1930 entstanden.
Umfangreich ist der Komplex der Kompositionszeichnungen, die abends
am Tisch im schwachen Schein der Petroleumlampe im Zustand höchster
Ruhe und Konzentration entstanden. Rainer Maria Rilke nannte diese von
ihm hoch geschätzten Zeichnungen "Abendblätter". Für Paula Modersohn-Becker
waren sie das "Schönste, Einfältigste, das Zarteste und gewaltigste von Ottos Kunst". |
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Frühwerk - Westfalen
Neben seinem Studium an der Akademie in Düsseldorf und während
seiner Ferienaufenthalte zu Hause in Münster, Soest
und Tecklenburg, im Harz und auf der Nordseeinsel Juist in den Jahren
1874 bis 1889 malt Otto Modersohn vorwiegend kleinformatige Studien und
Landschaftsbilder: Feldwege und Flüsse führen den Blick in große Weiten.
Das Flimmern des Lichts und das Flirren der Luft erfüllen die einfachen
alltäglichen Motive. Diese Bilder stehen in der Tradition der französischen
Maler des Barbizonkreises und erinnern an Daubigny, Corot, Dupré und Rousseau, an die
"Intimen", wie Modersohn diese von ihm verehrten Maler bezeichnete.
Er hatte sie erstmals auf der Internationalen Glaspalastausstellung in
München 1888 gesehen und notierte damals: "Sie haben diese köstliche
Beseelung des Kleinsten und Unscheinbarsten in der Natur". |
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Worpswede
Über seinen ersten Besuch des niedersächsischen Moordorfes 1889
berichtet Otto Modersohn in seinem Tagebuch: "Mittwoch, 3. Juli 1889
kam ich mit F. Mackensen voller Erwartung hier an. Ich sah fast gleich,
dass meine Erwartungen nicht getäuscht waren. Ich fand ein höchst
originelles Dorf, das auf mich einen durchaus fremdartigen Eindruck
machte; der hügelige sandige Boden im Dorf selbst, die großen bemoosten
Strohdächer und nach allen Seiten, soweit man sehen konnte, alles so weit
und so groß wie am Meer". Diese weite, herbe Landschaft begeistert den
Künstler. Im bewussten Gegensatz zur akademischen Kunst seiner Zeit
sucht er nach dem "Natürlichen", dem "Ursprünglichen". Er verlässt die
Akademie und siedelt nach Worpswede über .
Um 1889/90 stößt Otto Modersohn zu einer eher expressiven Farbsteigerung
vor; besonders in den Farbskizzen tritt neben stille Intimität bewegte
Dramatik. Die Farben verdichten sich zu Massen, sie sind breit und kraftvoll
aufgetragen. Zu den bevorzugten Motiven des Malers gehören die Dünen
und Tümpel im Teufelsmoor, die Hammewiesen und der Weyerberg, Baumgruppen
am Hang, Birkenstämme und Moorgräben mit Spiegelungen, aber auch
Sommerlandschaften mit locker und spielerisch hingetupften Wiesenblumen
und Gräsern, mit blühendem Weißdorn und überbordenden Heckenrosen.
1890 notiert der Maler: "Eine Kunst, die über das optische Sehen fast
hinausgreift und den Gehalt, die Eigenschaft der Dinge erreichen will,
ist mein Ideal. Elementar muss sie wirken, die Gegenstände mit Vehemenz
erfassen, Dokumente der Natur errichten".
Fünf Jahre nach Otto Modersohns Beschluss in Worpswede zu bleiben und nicht an die Akademien nach
Karlsruhe oder Düsseldorf zurückzukehren, bekamen die "Worpsweder", wie die Maler (Fritz Mackensen,
Otto Modersohn, Hans am Ende, Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler), die sich am Weyerberg zusammengefunden
hatten, nun genannt wurden, im Frühjahr 1895 die erste Gelegenheit zu einer gemeinsamen Ausstellung in der
Bremer Kunsthalle. Bremer Kunstfreunde erwarben für die Kunsthalle die Bilder "Der Säugling" von Mackensen
und "Herbst im Moor" von Otto Modersohn. Beide Bilder sind bis heute fester Bestandteil der Dauerpräsentation
im Worpswedesaal der Kunsthalle. Ansonsten war die Reaktion der Presse und des Bremer Kunstpublikums eher verhalten
bis kritisch.
Der Präsident der Münchener Künstlergenossenschaft, Freiherr Eugen Ritter von Stieler war auf dem Rückweg von einem
Gratulationsbesuch bei Bismarck in Friedrichsruh. Noch hoch gestimmt machte man auf dem Weg nach Paris in Bremen Station,
um eine gleichzeitig mit den Worpswedern stattfindende Ausstellung der Münchener Künstlergenossenschaft in der Bremer
Kunsthalle zu besuchen. Wohl eher beiläufig entdeckte er dabei auch die Worpsweder, deren Bilder einen starken Eindruck
auf ihn machten und lud sie, bzw. Otto Modersohn, der zufällig zugegen war, zur Teilnahme an der Jahresausstellung von
Kunstwerken aller Nationen im Münchener Glaspalast ein. Der Beitrag der Worpsweder war dann die Sensation dieser Ausstellung.
"Sie waren das Ereignis der Saison. Mackensen und Modersohn vor allem. Modersohn vielleicht noch mehr."
Fritz Mackensen erhielt für sein Bild "Gottesdienst im Freien" die goldene Medaille. Otto Modersohn konnte wiederum ein
Bild an ein Museum verkaufen. Die Neue Pinakothek erwarb das Bild "Sturm im Moor". Leider ging es während des Zweiten
Weltkriegs verloren. Die Worpsweder waren über Nacht weitgerühmte Künstler und werden in der Folgezeit zu zahlreichen
Ausstellungen eingeladen. Otto Modersohn fühlt sich vielleicht zurecht von vielen als das stärkste Talent der Worpsweder
erkannt und versucht die besondere Wirkung seiner Bilder zu ergründen:
Eine eigenthümliche, besondere, originelle Anschauung hat mir doch eigentlich 95 den Erfolg gebracht. Schlechtweg
naturalistisch waren die Sachen nicht im Sinne der Düsseldorfer, Belgier, Schweden etc. Worin lag das Besondere?
Neben großer, koloristischer Gesamtstimmung ging ich möglichst intim auf die Einzelheiten ein. Ein eigenthümlicher
Reichthum in Farben, Nuancen und in den Formen. Ich liebte reiche Gegenständlichkeit. In alledem erkannte ich etwas
Eigenes. ... Das Geistige, Subjektive ist wunderbar, aber immer und immer aufs Genaueste und Intimste an die Natur
halten, nur so bewahrt man sich vorm Fall, vor Leere, vorm Schema und Manier.
(Aus: Otto Modersohn, Tagebuch, 6. November 1896)
Auch 1896 sind sie wieder im Münchener Glaspalast vertreten. Otto Modersohn mit 11 Bildern in einem eigenen Saal.
Der Schweizer Sammler Oscar Miller erwirbt die Bilder "Herbst im Moor" und "Die Märchenerzählerin". Das Bild
"Herbstlandschaft aus dem Teufelsmoor" wird zwei Jahre später vom Schlesischen Museum in Breslau angekauft. Es
ist ebenfalls seit Kriegsende verschollen. Der Bremer Senator Marcus kauft das Bild "Sommer am Moorkanal", das
als Stiftung 1929 in die Sammlung der Kunsthalle Bremen kam und auch in dieser Ausstellung zu sehen ist.
Im Herbst entdecken Fritz Overbeck und Otto Modersohn auf einer Wanderung das Dorf Fischerhude:
"Wir durchwanderten es nach allen Richtungen und waren entzückt von seinem urwüchsigen Charakter. Überall Strohdachhäuser
und Ställe, überall mächtige Eichen. An der Wümme, an der alten Wassermühle wurde es immer interessanter, so daß Overbeck
meinte, wir hätten uns mit Worpswede geirrt, Fischerhude überträfe es noch an malerischen Reizen. Wir zeichneten, bis
unsere Skizzenbücher voll waren - an Weiterwandern, wie wir es anfänglich beabsichtigt hatten, war an dem Tag nicht zu
denken." (Otto Modersohn, Erinnerungen an die Entdeckung Fischerhudes.)
In Fischerhude besuchen Overbeck und Modersohn auch den Schlachten- und Genremaler Heinrich Breling.
Der Ausstellungsreigen reißt auch 1897 nicht ab. Die Worpsweder stellen fast schon traditionell im Februar wieder in
der Kunsthalle Bremen und anschließend in Oldenburg aus. Im Juli beteiligen sie sich an der "Internationalen Kunstausstellung
in Dresden", aus der Otto Modersohn das Bild "Das alte Haus" an die Königliche Gemäldegalerie in Dresden verkaufen kann.
In der fast gleichzeitig stattfindenden Ausstellung im Münchener Glaspalast ist Otto Modersohn nur mit einem Bild vertreten.
Es ist das Bild "Mondaufgang im Moor", das sich seither in den Kunstsammlungen zu Weimar befindet.
Im Juli 1897 besucht Paula Becker die Künstlerkolonie Worpswede und versucht eine Charakterisierung ihrer Mitglieder:
"Ich habe ihn nur einmal gesehen und da auch leider wenig gesehen und gar nicht gefühlt. Ich habe nur in der Erinnerung
etwas Langes in braunem Anzuge mit rötlichem Bart. Er hatte so etwas Weiches, Sympathisches in den Augen.
Seine Landschaften, die ich auf den Ausstellungen sah, hatten tiefe, tiefe Stimmungen in sich. Heiße brütende Herbstsonne
oder geheimnisvoll süßer Abend. Ich möchte ihn kennenlernen, diesen Modersohn."
(Aus: Paula Becker, Tagebuch, 24. Juli 1897)
Zwei Jahre nach dem großen Ausstellungserfolg der Worpsweder in München, im Sommer 1897, benennt sich der "Künstler-Verein
Worpswede" in die "Künstlervereinigung Worpswede" um. Der Verein soll einerseits der zunehmenden Entfremdung der einzelnen
Gruppenmitglieder untereinander entgegen wirken und andererseits helfen, die zahlreichen gemeinsamen Ausstellungen besser
zu organisieren. Geschäftsführer wird Hans am Ende. Aber trotz der Vereinsgründung wachsen die seit dem "Durchbruch" 1895
schwelenden Spannungen innerhalb der Worpsweder Künstlergemeinschaft.
Die zahlreichen Bildverkäufe ermöglichen Otto Modersohn den Ankauf eines eigenen Hauses in der Hembergstraße. Im September
1897 heiraten Otto Modersohn und Helene Schröder.
Am 6. August 1898 wird die Tochter Elsbeth geboren. Der Gesundheitszustand Helene Schröders verschlechtert sich. Seit 1893
ist sie an Tuberkulose erkrankt.
Paula Becker wird Malschülerin von Mackensen.
Vom 26. Mai bis zum 27. Juli besucht der schlesische Dramatiker Carl Hauptmann und ältere Bruder Gerhart Hauptmanns,
Worpswede. Zu Otto Modersohn entwickelt sich ein freundschaftliches Verhältnis.
Im Juli 1899 erklärt Otto Modersohn seinen Austritt aus der Künstlervereinigung.
Ich verkenne durchaus nicht, daß unsere Vereinigung uns zu unserer Einführung die größten Dienste geleistet hat, aber
sie fängt ernstlich an, durch alle mit ihr verbundenen Pflichten gegen Welt und Ausstellungen und besonders auch
gegeneinander, uns über den Kopf zu wachsen. Sie bedroht unsere Ruhe, die man zum künstlerischen Schaffen in erster
Linie braucht. Hiergegen gibt es nur ein Radikalmittel: Die Auflösung der Vereinigung.
(Otto Modersohn, Rundbrief an die Freunde vom 25. Juli 1899)
Fritz Mackensen und Hans am Ende sind über den Austritt Otto Modersohns entsetzt. Heinrich Vogeler und Fritz Overbeck
zeigen Verständnis für Otto Modersohns Entschluss und schließen sich seinem Austritt an.
Ein neues Kapitel Worpswedes steht bevor.
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1900-1907 - die gemeinsame Zeit mit Paula Modersohn-Becker
1898 sind sich Paula Becker und Otto Modersohn zum ersten Male in Worpswede begegnet.
1900 stirbt in Worpswede Otto Modersohns erste Frau Helene während seiner Reise nach
Paris zur Weltausstellung, die er auf Paula Beckers drängendes Bitten zusammen mit Overbecks besucht hatte.
Aus der Begegnung mit Paula Becker entspinnt sich in der folgenden Zeit eine tiefe
menschliche Zuneigung, die im intensiven schöpferischen Austausch der beiden Künstler
ihren Ausdruck findet. Freilich gab es in der Verbindung zweier so starker und
eigenwilliger Künstlernaturen auch Spannungen. So suchte Paula Modersohn mehrfach
in Paris künstlerische Anregungen, die ihr Worpswede in dieser Vielfalt nicht bieten
konnte. Welche Anregungen Paula Modersohn-Becker in den fruchtbaren Jahren ihres kurzen
Lebens aufgenommen und in ihrem Schaffen für sich umgeformt hat, wird durch ihre
Tagebuchaufzeichnungen und Briefe oder durch die Aussagen ihrer Freunde belegt. Diese
Zeugnisse verdeutlichen, dass ihr Otto Modersohn lange, und zuletzt wieder, menschlich
weitaus am nächsten stand und selbst in der für ihn schweren Zeit der vorübergehenden
Trennung der Einzige war, der ihre eminente Begabung förderte. Ausgehend von dem gemeinsamen
Erlebnis der Entdeckung der Landschaft Worpswedes und der in ihr lebenden Menschen, strebten
beide - in der Abneigung gegen Konvention, Pathos und Veräußerlichung - Einfachheit an, als
malerisches Programm und als menschliche Haltung. Die zunächst von Otto Modersohn allein, dann
gemeinsam mit seiner Frau erarbeitete Maxime "Das Ding an sich in Stimmung" wurde schließlich zu
einem von beiden oft gebrauchten Schlüsselbegriff für eine neue Gegenständlichkeitsauffassung.
Aber erst die gründliche Kenntnis der tiefen Zusammenhänge und Hintergründe dieser künstlerischen
Wechselbeziehung erlaubt eine echte Einschätzung der hieraus später erwachsenen selbständigen
Verdienste. Als Paula Modersohn-Becker 1907 im Alter von 31 Jahren starb, hatten ihre Bilder nur
wenige gesehen, da zunächst unverstanden, auch von den Freunden und Kollegen in Worpswede. Nur
ihrem Mann waren Paula Beckers - der damaligen Zeit vorauseilenden - künstlerische Vorstellungen vertraut.
Er empfand den Gegensatz ihrer künstlerischen Anschauungen als dankbare Ergänzung und gegenseitige
Anregung. Die Tragik des frühen Todes seiner zweiten Frau veranlasste Otto Modersohn von Worpswede
in das benachbarte Fischerhude überzusiedeln. Als er 1908, 43jährig, nach Fischerhude kam, war er
auch durch den anregenden, wechselseitigen künstlerischen Austausch mit einer der wichtigsten
europäischen Künstlerinnen für einen Neuanfang in besonderer Weise vorgeprägt.
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Fischerhude
Die Woche in Fischerhude war herrlich, schreibt Otto Modersohn am Abend des 10. August 1906 aus Worpswede an Paula Modersohn-Becker nach Paris. Das Dorf wirkte märchenhaft auf mich. Das Wasser bringt so viel Leben hinein... Ich habe auch einiges gemalt, darunter ein Bild 'Die Wümme unter Bäumen' ist vielleicht das Farbigste was ich bisher gemalt.
Zu diesem Zeitpunkt kann Modersohn nicht ahnen, dass hier sehr bald schon ein neuer Abschnitt persönlicher und künstlerischer Entwicklung für ihn beginnen soll. Als Paula Modersohn-Becker 1907, 31-jährig, nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Mathilde stirbt, verlässt Otto Modersohn Worpswede und siedelt nach Fischerhude über.
Seinen ersten Ausflug in das nur wenige Kilometer von Worpswede entfernte Dorf Fischerhude hatte Otto Modersohn 1896 mit seinem Freund Fritz Overbeck gemacht. Einige Jahre später besuchte er es mehrfach zusammen mit seiner Frau Paula. Als diese im Ehekrisenjahr 1906 nach Paris reiste, entschlossen, sich von ihrem Mann zu trennen, suchte der Maler wiederum die
Weltabgeschiedenheit des Dorfes in der Wümmeniederung auf, um dort Ablenkung und künstlerische Anregung zu finden.
Mit den in Fischerhude entstehenden Studien des Sommers 1908 führt Otto Modersohn seine in Worpswede entwickelte Malerei vor der Natur fort. "Alles ist feste Klarheit, Bestimmtheit, eine freie Heiterkeit und Farbenluft, leuchtende Kontraste und einfache Wahrheit. Ein Sommertag glüht auf, mit allen Lichtern und Schatten, die seine Helligkeit erzeugt, mit aller gesunden Fruchtbarkeit, die uns entgegenduftet", wie ein ungenannter Kunstkritiker Otto Modersohns Studien dieser Zeit in der 1910, in dritter Auflage erschienenen "Worpswede"-Monographie beschrieb.
1908 ging die große Zeit der "Alten Worpsweder" zu Ende; neue Strömungen waren dieser Kunst zur Seite getreten oder hatten sie verdrängt. Otto Modersohn hatte dies gespürt und sich bereits in den letzten Worpsweder Jahren anderen Zielen zugewandt.
Die Beschäftigung mit der neuen französischen Kunst dieser Jahre brachte ihm neue Einsichten für sein Werk, die er nun in Fischerhude umsetzte. Zweifellos war die besondere Situation Fischerhudes - die Wasserläufe, die den Ort durchziehen und mit ihren Spiegelungen von Häusern, Bäumen und Wiesen den Charakter des Dorfes bestimmen - das auslösende Moment für den Wandel seiner Kunst. Ein Gemälde wie"Bauerngarten mit Insel" zeigt dies in exemplarischer Weise. Die breit gesetzten Pinselzüge, die auch als eigener Wert die Bildstruktur prägen, erinnern an den Farbauftrag van Goghs.
Dass dies 1911 seinen Niederschlag fand, wird verständlich - im selben Jahr hatte Otto Modersohn als einziger "Worpsweder" leidenschaftlich für den Ankauf des Bildes "Mohnfeld" von Vincent van Gogh als eines der anregendsten Bilder moderner Kunst durch die Kunsthalle Bremen Partei genommen und sich im entstehenden Streit entschieden für die Kunst und gegen ein falsch verstandenes Nationalgefühl geäußert:
Die Nationalität spielt bei der Kunst überhaupt keine Rolle, es kommt lediglich auf die Qualität
an
Wenn sich die Kunst bei uns in den letzten Jahren gehoben hat, so verdanken wir das in erster Linie der bei uns immer bekannter gewordenen guten französischen Kunst
Die Bodenständigkeit unserer Kunst wird, soweit sie echt ist, dadurch nicht leiden.
(Im Kampf um die Kunst, 1911)
Nach dem Tod seiner Frau Paula Modersohn-Becker und der Sichtung Ihres umfangreichen Nachlasses, die Otto Modersohn zusammen mit Heinrich Vogeler vornimmt, wächst das Interesse an deren Kunst. Rudolf Alexander Schröder, Georg Biermann, Rainer Maria Rilke, Clara Rilke-Westhoff und Bernhard Hoetger sind ganz erschüttert und ergriffen von der Fülle und Qualität der Bilder, die von ihnen in den Jahren zuvor kaum wahrgenommen wurden.
1908 werden die Werke erstmals in Worpswede bei Franz und Philine Vogeler im Kunst- und Kunstgewerbehaus gezeigt. Es folgt im Dezember eine in Bremen umstrittene Präsentation von 47 Bildern in der Kunsthalle, für die sich auch sein Freund Fritz Overbeck gegenüber dem Direktor Gustav Pauli nachdrücklich eingesetzt hatte und im Mai 1909 kommt es zu einer Ausstellung in der Galerie Cassirer in Berlin, die ihre 44 wichtigsten Bilder neben den bedeutendsten Malern Frankreichs zeigte. Erstmals hielt sie dem Vergleich mit van Gogh, Renoir, Manet und Monet stand. 1913 folgte dann noch eine Ausstellung in Hagen bei Karl-Ernst Osthaus, der aus der Ausstellung das Selbstbildnis mit Kamelienzweig erwarb.
Das Jahr 1909 bringt auch für Otto Modersohn selbst eine erneute Lebenswende. Am 14. April heiratet er Louise Breling (1883-1950), die zweitälteste Tochter des nun auch in Fischerhude ansässigen ehemaligen Königlichen Professors der Münchener Akademie und Malers am Hofe Ludwigs des II. Heinrich Breling (1849-1914) war in Fischerhude aufgewachsen und hatte sich, nachdem er seit 1895 lediglich in den Sommermonaten Fischerhude aufgesucht hatte, 1908 in der Bredenau ein Haus gebaut. Otto Modersohn war zum Richtfest eingeladen und lernte bei dieser Gelegenheit seine spätere Frau kennen.
Nach der Hochzeit bewohnten Otto und Louise Modersohn nicht das seit Monaten verwaiste Worpsweder Wohnhaus sondern bleiben in Fischerhude. Sie ziehen mit seiner Tochter Elsbeth aus erster Ehe, in ein Bauernhaus Im Pool. 1911 holte das Ehepaar auch die Tochter Mathilde, aus der Ehe mit Paula Modersohn-Becker, zu sich. Mathilde war von seiner Schwägerin Milly Rohland-Becker in Basel zusammen mit der eigenen, fast gleich alten Tochter aufgezogen worden. 1913 wurde Ulrich Modersohn (1913-1943), der erste von zwei Söhnen, geboren.
Anders als seine Worpsweder Malerkollegen Hans am Ende, Fritz Mackensen und Heinrich Vogeler, meldet sich Otto Modersohn 1914 bei Kriegsanbruch nicht als Freiwilliger. Seine Kurzsichtigkeit hatte ihn schon früher vom Wehrdienst befreit. Im Kriegsherbst 1915 zog die Familie Modersohn zurück in das Worpsweder Wohnhaus, da man Not litt und die Miete sparen wollte.
Neben der Organisation von Ausstellungen Paula Modersohn-Beckers, findet Otto Modersohn immer wieder zur Auseinandersetzung mit der eigenen Kunst.
Seine künstlerische Zielsetzung dieser Zeit fasst er 1910 in seinem "Künstlerischen Bekenntnis" zusammen (Auszug):
Man muß die Natur abkürzen, durch Vereinfachung wird man stark. Je schneller der Blick alles umspannt, desto besser; man
muß nur das Wesentliche, gewissermaßen den Extrakt geben.
Ein Bild muß eine Einheit sein; ... Dem Großen und Einfachen
muß sich das Reiche, Bewegte gesellen.
Die Eingliederung des Einzelnen in das Ganze ist das Wesen der Cézannschen Synthese
Im Herbst 1915, der Erste Weltkrieg tobt gerade ein Jahr inmitten Europas, entschließt sich Otto Modersohn zusammen mit seiner Familie in sein Worpsweder Haus zurück zu kehren, das er im Frühjahr 1908 verlassen hatte. Mehr der Not geschuldet, als der Erkenntnis, dass es sich in dem mit zwei tragischen Verlusten behafteten Haus (seine erste Frau Helene Schröder und seine zweite Frau Paula Modersohn-Becker starben dort) besser leben ließe als in Fischerhude, wo er 1908 seinem Leben eine entscheidende Wende geben wollte.
Modersohn konnte in den Kriegsjahren kaum von den Verkäufen seiner Bilder leben. Seit den Wintermonaten 1915/16 entstehen bis zum Herbst 1918 ausschließlich kleinformatige Bilder auf Holztafeln, wie sie bei Tischlern als Abfallholz für wenig Geld zu bekommen sind. Daneben gibt es aber auch facettierte Mahagonitafeln, die wohl in größerer Anzahl aus besseren Zeiten noch vorrätig waren. Ausgelöst wurde diese Beschränkung auf das kleine Format durch einen Besuch Emil Waldmanns, der sich für Otto Modersohns kleine Bildstudien des Münsteraner Frühwerks begeisterte, die er dann im Winter 1916 in der Kunsthalle Bremen ausstellte und der eigenen Erkenntnis, dass diese Bilder in ihrer intimen Durchbildung etwas ganz Eigenes und Seltenes seien.
"Ein tiefes Naturgefühl, nicht vermengt mit irgend einer Beimischung moderner oder archaischer Setzung, dabei tieffarbig
und voller Koloristik spricht aus diesen Bildern
Dem Format entsprechend ist die Technik sehr glücklich gewählt; sie hat nicht das Materielle der Ölfarbe, und in der Art, wie die Einzelheiten nur leicht angedeutet sind, um Wesentliches dann schärfer zu betonen, finde ich eine gesteigerte Meisterschaft der Bildökonomie"
schrieb Carl Vinnen an Otto Modersohn, nachdem er dessen kleine Tafeln im Juli 1917 in Bremen gesehen hatte.
Im Mai 1917 zog es Otto Modersohn zurück nach Fischerhude. Im Ortsteil Wilhelmshausen richtete sich die Familie eine Atelierwohnung im Hause des Tischlers Freese ein, ganz in der Nähe des Nordarms der Wümme.
In der folgenden Zeit wandelt sich seine Malerei hin zu flächigen, ganz transparent aufgebauten Bildräumen, die seinen Bildern den Eindruck von farbigen Geweben verleihen. Auch zeigt sich in diesen Arbeiten eine beziehungsreich ausgewogene Ordnung der Kompositionselemente, die Otto Modersohns intensives Studium Cézannscher Bilder spiegelt. Auch die Bilder des deutschen Expressionismus blieben nicht ohne Wirkung. In ganz eigener Weise versuchte er eine Anverwandlung dieser Einflüsse. Das Stoffliche tritt zurück, zugunsten des formal Gemeinsamen in der Natur.
"Ich will die Naturformen zu Trägern meiner Ideen machen
das Stoffliche muß man ganz überwinden, alle Dinge müssen etwas Gemeinsames haben, wie ein Gewebe
trotz der Tiefenwirkung den Flächencharakter betonen - im Gegensatz zum Naturalismus."
Otto Modersohn, Tagebuch, 10. Mai 1921
Die 20ger Jahre waren von intensiven gemeinsamen Studienreisen mit seiner dritten Frau Louise Modersohn-Breling (1883-1950) nach Wertheim und Würzburg geprägt. Einen tiefen Eindruck machte schon 1916 der Besuch der fränkischen Stadt Wertheim, an Main und Tauber gelegen, auf das Künstlerpaar Modersohn.
"Auf dieser Reise habe ich eine sehr wichtige Erfahrung gemacht. Einfachheit, Vereinfachung ist das Wichtigste, nicht bloß in der Form, sondern noch mehr in der Farbe. Ein Akkord, eine Harmonie muß das Bild darstellen.
Innerhalb des Akkordes dann reich in den Nuancen. Alles kommt darauf an, daß ein Bild "stark" ist. Paula redete immer davon und diese Vereinfachung, Zusammenfassung in Form und Farbe, ist das Hauptmittel ein Bild stark zu machen. Und darin sind fast alle Zeiten, alle große Meister verwandt.
Bei Stilleben nur nicht zuviel und bunte Gegenstände, die nur die Bildwirkung absprächen und zerreißen und sich gegenseitig stören. Ein Klang, nicht soundsoviele.
Alles überflüssige - raus."
Otto Modersohn, Tagebuch, 10. September 1923
"Erster Grundsatz muß sein: einfach, diskret, verhalten, ohne Effekt, ohne Kontraste, ohne besonderen Aufwand. In Münster war ich so schlicht und intim, das bildet den künstlerischen Reiz dieser Sachen.
Ein Bild muß gute Malerei sein. Ich liebe vor allem sichtbaren Ton und Strich, darum werde ich auf nichtsaugendem Grunde malen mit Malmittel, Grund benutzend, Grund leicht getönt und besonders bei hellen Bildern weiß.
Oft malt sich's gut auf alten Bildern; die Farben haben oft einen eigenen Reiz darauf.
Mittel stehen lassen; je mehr man die Mittel zeigt und sieht, desto besser. Man nimmt dann an dem geistigen Vorgang teil."
Otto Modersohn, Tagebuch, 30. September 1923
Freiheit und Intimität sind die beiden Hauptziele meiner Kunst, beide müssen zusammenwirken, wenn diese reif und echt sein soll. Freiheit ist von höchster Wichtigkeit.
Man muß seinem Stoff ganz frei gegenüberstehen
Kunst ist eine Neuschöpfung an Hand oder auf Grund der Natur. Darin liegt gerade die Freude beim Schaffen. Ein Bild wird viel besser, das diesen freien Atem hat. Man muß seine Phantasie mit der Natur komponieren. Man muß die Natur nach seinen Vorstellungen umgestalten. Nicht der ist ein großer Maler, der die Natur getreulich wiedergibt, sondern der, der die Natur mit seiner Phantasie erfüllt und diese neu entstehen lässt, wie seine Phantasie sie erschaut.
Otto Modersohn, Tagebuch, 17. August 1924
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