Otto Modersohn Museum

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Worpswede

Über seinen ersten Besuch des niedersächsischen Moordorfes 1889 berichtet Otto Modersohn in seinem Tagebuch: „Mittwoch, 3. Juli 1889 kam ich mit F. Mackensen voller Erwartung hier an. Ich sah fast gleich, dass meine Erwartungen nicht getäuscht waren. Ich fand ein höchst originelles Dorf, das auf mich einen durchaus fremdartigen Eindruck machte; der hügelige sandige Boden im Dorf selbst, die großen bemoosten Strohdächer und nach allen Seiten, soweit man sehen konnte, alles so weit und so groß wie am Meer“. Diese weite, herbe Landschaft begeistert den Künstler. Im bewussten Gegensatz zur akademischen Kunst seiner Zeit sucht er nach dem „Natürlichen“, dem „Ursprünglichen“. Er verlässt die Akademie und siedelt nach Worpswede über. Um 1889/90 stößt Otto Modersohn zu einer eher expressiven Farbsteigerung vor; besonders in den Farbskizzen tritt neben stille Intimität bewegte Dramatik. Die Farben verdichten sich zu Massen, sie sind breit und kraftvoll aufgetragen. Zu den bevorzugten Motiven des Malers gehören die Dünen und Tümpel im Teufelsmoor, die Hammewiesen und der Weyerberg, Baumgruppen am Hang, Birkenstämme und Moorgräben mit Spiegelungen, aber auch Sommerlandschaften mit locker und spielerisch hingetupften Wiesenblumen und Gräsern, mit blühendem Weißdorn und überbordenden Heckenrosen. 1890 notiert der Maler: „Eine Kunst, die über das optische Sehen fast hinausgreift und den Gehalt, die Eigenschaft der Dinge erreichen will, ist mein Ideal. Elementar muss sie wirken, die Gegenstände mit Vehemenz erfassen, Dokumente der Natur errichten“.

Fünf Jahre nach Otto Modersohns Beschluss in Worpswede zu bleiben und nicht an die Akademien nach Karlsruhe oder Düsseldorf zurückzukehren, bekamen die „Worpsweder“, wie die Maler (Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Hans am Ende, Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler), die sich am Weyerberg zusammengefunden hatten, nun genannt wurden, im Frühjahr 1895 die erste Gelegenheit zu einer gemeinsamen Ausstellung in der Bremer Kunsthalle. Bremer Kunstfreunde erwarben für die Kunsthalle die Bilder Der Säugling von Mackensen und Herbst im Moor von Otto Modersohn. Beide Bilder sind bis heute fester Bestandteil der Dauerpräsentation im Worpswedesaal der Kunsthalle. Ansonsten war die Reaktion der Presse und des Bremer Kunstpublikums eher verhalten bis kritisch.

Der Präsident der Münchener Künstlergenossenschaft, Freiherr Eugen Ritter von Stieler war auf dem Rückweg von einem Gratulationsbesuch bei Bismarck in Friedrichsruh. Noch hoch gestimmt machte man auf dem Weg nach Paris in Bremen Station, um eine gleichzeitig mit den Worpswedern stattfindende Ausstellung der Münchener Künstlergenossenschaft in der Bremer Kunsthalle zu besuchen. Wohl eher beiläufig entdeckte er dabei auch die Worpsweder, deren Bilder einen starken Eindruck auf ihn machten und lud sie, bzw. Otto Modersohn, der zufällig zugegen war, zur Teilnahme an der Jahresausstellung von Kunstwerken aller Nationen im Münchener Glaspalast ein. Der Beitrag der Worpsweder war dann die Sensation dieser Ausstellung. „Sie waren das Ereignis der Saison. Mackensen und Modersohn vor allem. Modersohn vielleicht noch mehr.“

Fritz Mackensen erhielt für sein Bild Gottesdienst im Freien die goldene Medaille. Otto Modersohn konnte wiederum ein Bild an ein Museum verkaufen. Die Neue Pinakothek erwarb das Bild Sturm im Moor. Leider ging es während des Zweiten Weltkriegs verloren. Die Worpsweder waren über Nacht weitgerühmte Künstler und werden in der Folgezeit zu zahlreichen Ausstellungen eingeladen. Otto Modersohn fühlt sich vielleicht zurecht von vielen als das stärkste Talent der Worpsweder erkannt und versucht die besondere Wirkung seiner Bilder zu ergründen:

„Eine eigenthümliche, besondere, originelle Anschauung hat mir doch eigentlich 95 den Erfolg gebracht. Schlechtweg naturalistisch waren die Sachen nicht im Sinne der Düsseldorfer, Belgier, Schweden etc. Worin lag das Besondere? Neben großer, koloristischer Gesamtstimmung ging ich möglichst intim auf die Einzelheiten ein. Ein eigenthümlicher Reichthum in Farben, Nuancen und in den Formen. Ich liebte reiche Gegenständlichkeit. In alledem erkannte ich etwas Eigenes. … Das Geistige, Subjektive ist wunderbar, aber immer und immer aufs Genaueste und Intimste an die Natur halten, nur so bewahrt man sich vorm Fall, vor Leere, vorm Schema und Manier.“
(Aus: Otto Modersohn, Tagebuch, 6. November 1896)

Auch 1896 sind sie wieder im Münchener Glaspalast vertreten. Otto Modersohn mit 11 Bildern in einem eigenen Saal. Der Schweizer Sammler Oscar Miller erwirbt die Bilder Herbst im Moor und Die Märchenerzählerin. Das Bild Herbstlandschaft aus dem Teufelsmoor wird zwei Jahre später vom Schlesischen Museum in Breslau angekauft. Es ist ebenfalls seit Kriegsende verschollen. Der Bremer Senator Marcus kauft das Bild Sommer am Moorkanal, das als Stiftung 1929 in die Sammlung der Kunsthalle Bremen kam und auch in dieser Ausstellung zu sehen ist.

Im Herbst entdecken Fritz Overbeck und Otto Modersohn auf einer Wanderung das Dorf Fischerhude: „Wir durchwanderten es nach allen Richtungen und waren entzückt von seinem urwüchsigen Charakter. Überall Strohdachhäuser und Ställe, überall mächtige Eichen. An der Wümme, an der alten Wassermühle wurde es immer interessanter, so daß Overbeck meinte, wir hätten uns mit Worpswede geirrt, Fischerhude überträfe es noch an malerischen Reizen. Wir zeichneten, bis unsere Skizzenbücher voll waren – an Weiterwandern, wie wir es anfänglich beabsichtigt hatten, war an dem Tag nicht zu denken.“
(Otto Modersohn, Erinnerungen an die Entdeckung Fischerhudes.)

In Fischerhude besuchen Overbeck und Modersohn auch den Schlachten- und Genremaler Heinrich Breling.

Der Ausstellungsreigen reißt auch 1897 nicht ab. Die Worpsweder stellen fast schon traditionell im Februar wieder in der Kunsthalle Bremen und anschließend in Oldenburg aus. Im Juli beteiligen sie sich an der „Internationalen Kunstausstellung in Dresden“, aus der Otto Modersohn das Bild Das alte Haus an die Königliche Gemäldegalerie in Dresden verkaufen kann. In der fast gleichzeitig stattfindenden Ausstellung im Münchener Glaspalast ist Otto Modersohn nur mit einem Bild vertreten. Es ist das Bild Mondaufgang im Moor, das sich seither in den Kunstsammlungen zu Weimar befindet.

Im Juli 1897 besucht Paula Becker die Künstlerkolonie Worpswede und versucht eine Charakterisierung ihrer Mitglieder:

„Ich habe ihn nur einmal gesehen und da auch leider wenig gesehen und gar nicht gefühlt. Ich habe nur in der Erinnerung etwas Langes in braunem Anzuge mit rötlichem Bart. Er hatte so etwas Weiches, Sympathisches in den Augen. Seine Landschaften, die ich auf den Ausstellungen sah, hatten tiefe, tiefe Stimmungen in sich. Heiße brütende Herbstsonne oder geheimnisvoll süßer Abend.
Ich möchte ihn kennenlernen, diesen Modersohn.“
(Aus: Paula Becker, Tagebuch, 24. Juli 1897)

Zwei Jahre nach dem großen Ausstellungserfolg der Worpsweder in München, im Sommer 1897, benennt sich der „Künstler-Verein Worpswede“ in die „Künstlervereinigung Worpswede“ um. Der Verein soll einerseits der zunehmenden Entfremdung der einzelnen Gruppenmitglieder untereinander entgegen wirken und andererseits helfen, die zahlreichen gemeinsamen Ausstellungen besser zu organisieren. Geschäftsführer wird Hans am Ende. Aber trotz der Vereinsgründung wachsen die seit dem „Durchbruch“ 1895 schwelenden Spannungen innerhalb der Worpsweder Künstlergemeinschaft.

Die zahlreichen Bildverkäufe ermöglichen Otto Modersohn den Ankauf eines eigenen Hauses in der Hembergstraße. Im September 1897 heiraten Otto Modersohn und Helene Schröder. Am 6. August 1898 wird die Tochter Elsbeth geboren. Der Gesundheitszustand Helene Schröders verschlechtert sich. Seit 1893 ist sie an Tuberkulose erkrankt. Paula Becker wird Malschülerin von Mackensen.

Vom 26. Mai bis zum 27. Juli besucht der schlesische Dramatiker Carl Hauptmann und ältere Bruder Gerhart Hauptmanns, Worpswede. Zu Otto Modersohn entwickelt sich ein freundschaftliches Verhältnis.

Im Juli 1899 erklärt Otto Modersohn seinen Austritt aus der Künstlervereinigung.

„Ich verkenne durchaus nicht, daß unsere Vereinigung uns zu unserer Einführung die größten Dienste geleistet hat, aber sie fängt ernstlich an, durch alle mit ihr verbundenen Pflichten gegen Welt und Ausstellungen und besonders auch gegeneinander, uns über den Kopf zu wachsen. Sie bedroht unsere Ruhe, die man zum künstlerischen Schaffen in erster Linie braucht. Hiergegen gibt es nur ein Radikalmittel: Die Auflösung der Vereinigung.“
(Otto Modersohn, Rundbrief an die Freunde vom 25. Juli 1899)

Fritz Mackensen und Hans am Ende sind über den Austritt Otto Modersohns entsetzt. Heinrich Vogeler und Fritz Overbeck zeigen Verständnis für Otto Modersohns Entschluss und schließen sich seinem Austritt an. Ein neues Kapitel Worpswedes steht bevor.

1900–1907
Die gemeinsame Zeit mit Paula Modersohn-Becker

1898 sind sich Paula Becker und Otto Modersohn zum ersten Male in Worpswede begegnet. 1900 stirbt in Worpswede Otto Modersohns erste Frau Helene während seiner Reise nach Paris zur Weltausstellung, die er auf Paula Beckers drängendes Bitten zusammen mit Overbecks besucht hatte.

Aus der Begegnung mit Paula Becker entspinnt sich in der folgenden Zeit eine tiefe menschliche Zuneigung, die im intensiven schöpferischen Austausch der beiden Künstler ihren Ausdruck findet. Freilich gab es in der Verbindung zweier so starker und eigenwilliger Künstlernaturen auch Spannungen. So suchte Paula Modersohn mehrfach in Paris künstlerische Anregungen, die ihr Worpswede in dieser Vielfalt nicht bieten konnte. Welche Anregungen Paula Modersohn-Becker in den fruchtbaren Jahren ihres kurzen Lebens aufgenommen und in ihrem Schaffen für sich umgeformt hat, wird durch ihre Tagebuchaufzeichnungen und Briefe oder durch die Aussagen ihrer Freunde belegt. Diese Zeugnisse verdeutlichen, dass ihr Otto Modersohn lange, und zuletzt wieder, menschlich weitaus am nächsten stand und selbst in der für ihn schweren Zeit der vorübergehenden Trennung der Einzige war, der ihre eminente Begabung förderte. Ausgehend von dem gemeinsamen Erlebnis der Entdeckung der Landschaft Worpswedes und der in ihr lebenden Menschen, strebten beide – in der Abneigung gegen Konvention, Pathos und Veräußerlichung – Einfachheit an, als malerisches Programm und als menschliche Haltung. Die zunächst von Otto Modersohn allein, dann gemeinsam mit seiner Frau erarbeitete Maxime „Das Ding an sich in Stimmung“ wurde schließlich zu einem von beiden oft gebrauchten Schlüsselbegriff für eine neue Gegenständlichkeitsauffassung. Aber erst die gründliche Kenntnis der tiefen Zusammenhänge und Hintergründe dieser künstlerischen Wechselbeziehung erlaubt eine echte Einschätzung der hieraus später erwachsenen selbständigen Verdienste. Als Paula Modersohn-Becker 1907 im Alter von 31 Jahren starb, hatten ihre Bilder nur wenige gesehen, da zunächst unverstanden, auch von den Freunden und Kollegen in Worpswede. Nur ihrem Mann waren Paula Beckers – der damaligen Zeit vorauseilenden – künstlerische Vorstellungen vertraut.

Er empfand den Gegensatz ihrer künstlerischen Anschauungen als dankbare Ergänzung und gegenseitige Anregung. Die Tragik des frühen Todes seiner zweiten Frau veranlasste Otto Modersohn von Worpswede in das benachbarte Fischerhude überzusiedeln. Als er 1908, 43jährig, nach Fischerhude kam, war er auch durch den anregenden, wechselseitigen künstlerischen Austausch mit einer der wichtigsten europäischen Künstlerinnen für einen Neuanfang in besonderer Weise vorgeprägt.