Otto Modersohn Museum

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Otto Modersohn – Leben und Werk

Textauszug: Otto Modersohn – Leben und Werk von Marina Bohlmann-Modersohn

Fischerhude 1933–1943
Meine Malerei ist mein ganzer Trost.

30. Januar 1933 – der verhängnisvolle Tag von Potsdam. Reichspräsident Paul von Hindenburg ernennt den 43-jährigen österreichischen Gefreiten Adolf Hitler zum Reichskanzler. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten beginnt das Dritte Reich. Viele Künstler und Literaten verlassen Deutschland und begeben sich ins Exil.

Einer von ihnen ist Heinrich Vogeler. Seit 1926 mit Sonja Marchlewska, der Tochter des polnischen Kommunisten Julian Marchlewski verheiratet, hat er schon 1932 Worpswede den Rücken gekehrt und lebt jetzt mit ihr und dem gemeinsamen Sohn Jan in Moskau. Voller Entsetzen verfolgt das Ehepaar die Entwicklung im Hitler-Deutschland. Man erzählt sich erschreckende Geschichten über das, was in der Heimat geschieht. Öffentliche Demonstrationen der Faschisten gehören inzwischen zum Alltag. Sie tragen Uniform und sind organisiert. Menschen werden bespitzelt und gefoltert und müssen fliehen. Viele fliehen nach Moskau. Manch einer findet in der Vogelerschen Wohnung Zuflucht. Für den Künstler ist es klar, dass er nicht mehr in seine Heimat zurückkehren kann.

Der Kampf gegen den Faschismus wird jetzt zum beherrschenden Thema seiner Komplexbilder. Er malt Hitler mit großen Hakenkreuzaugen, der aus weit aufgerissenem Mund Befehle brüllt, stellt zusammenstürzende Häuser in Flammen dar, Menschen auf der Flucht, Menschen, die erschossen werden.
In den Dörfern des Teufelsmoors werden Sozialdemokraten und Kommunisten verfolgt und verhaftet. Die beiden Maler Fritz Mackensen und Karl Eduard Uphoff gründen in Worpswede eine Ortsgruppe des Kampfbundes für Deutsche Kultur (KfDK). Uphoff wird Vertreter der Reichskulturkammer, Mackensen vom Bremer NS-Senat zum Direktor der neu gegründeten „Nordischen Kunsthochschule“ berufen. Der Vormarsch der Braunhemden macht auch vor dem ländlich-idyllischen Fischerhude nicht Halt. Viele Dorfbewohner wenden sich dem Nationalsozialismus zu, NS-Jugendorganisationen verzeichnen steigende Mitgliederzahlen, Männer aus den örtlichen Vereinen und der Freiwilligen Feuerwehr marschieren in den Reihen der SA. An den Ufern der Wümme leben Anhänger und Gegner des NS-Regimes in vorwiegend freundlicher Nachbarschaft.
Von vielen Menschen wird in diesen schweren Jahren besonders das Haus der Familie Breling in der Bredenau als Refugium empfunden, als „Ort der inneren Aufrichtung“, wie Helmut Schmidt es beschrieben hat, der schon als Schüler und später als im nahen Bremen-Vegesack stationierter Soldat im Breling-Haus und im Hause von Fritz und Haina Schmidt ein- und ausging. Im Breling-Haus lebt die seit März 1933 von ihrem Mann Jan getrennte Malerin Olga Bontjes van Beek mit ihren Kindern Cato, Mietje und Tim und ihrer Schwester Amelie Breling. Zu dem Kreis, der hier zusammentrifft, gehören seit den zwanziger Jahren unter anderen Friedrich Ahlers-Hestermann, der Bildhauer Bernhard Hoetger und die seit 1918 in Fischerhude lebende Clara Rilke-Westhoff, der Pianist Walter Gieseking und der jüdische Schriftsteller und Philosoph Theodor Lessing, der 1933 in Marienbad, seinem tschechischen Exil, von tschechischen Nationalsozialisten im Auftrag deutscher Nazis ermordet wurde. Helmut Schmidt lernte in diesen Jahren auch Otto Modersohn kennen: „Und ich kam in Fischerhude zu Otto Modersohn. Er lebte in einem Hause am nördlichsten Arm der Wümme, deren Delta man mit Hilfe von etwa zwanzig Brücken überqueren mußte, wenn man zu Fuß vom Bahnhof Sagehorn nach Fischerhude ging (…) Für mich war Modersohn bis zu dieser Zeit Legende gewesen; jetzt aber durfte ich ihn in Fischerhude besuchen und er zeigte mir seine Landschaften. Die Gastfreundschaft in seinem Haus war ganz leise, ganz zurückhaltend, und gerade deshalb machte sie einen tiefen Eindruck auf den jungen Soldaten.“

„Das einzige, was mir Freude macht, ist meine Malerei; habe eine Reihe Herbststräuße gemalt, nicht schlecht“, schreibt Otto Modersohn am 9. November 1933 an seine Frau nach Süddeutschland. „Ich wäre lieber dort, denn hier wird es immer eintöniger; aber die Arbeit wird mir über diese Zeit hinweghelfen.“

Die politischen Turbulenzen und die ungeklärte Familiensituation, Unterhaltskosten für zwei Wohnsitze und die Finanzierung seiner Söhne, Rechnungen für seine Bilder, die lange nicht bezahlt und immer wieder angemahnt werden müssen, schwere Krankheiten im Beckerschen Haus in Bremen – aus Modersohns Aufzeichnungen sprechen Sorgen, Kummer und Einsamkeit. Erschrocken reagiert der Achtundsechzigjährige auf die Nachricht, dass der Fischerhuder Maler Hans Buch beinahe verhaftet worden wäre und ist sich auf einmal bewusst: „Man muss vorsichtig sein mit seiner Kritik.“ Im Tagebuch äußert er sich im Hinblick auf die Auswüchse des deutschen Nationalismus äußerst verhalten. Er reagiert nicht mit Entsetzen, wenn er die Nazis durch Fischerhude marschieren sieht, sie singen und Hitlers Stimme durch die Lautsprecher über die Dorfwiese schallen hört, aber er hebt auch „das alberne Pfötchen“ zum Gruß der Fahne nicht und ist fassungslos, als er im Frühjahr 1934 erfährt, dass sein Sohn Ulrich bald nach der Aufnahme an die Münchner Kunstakademie in die SA eingetreten ist. Unter dem Datum des 16. Juni 1934 schreibt er an Ulrich: „Mutter und ich sind unglücklich über Deinen heutigen Brief.“ Louise Modersohn an ihren Sohn: „Es war sehr schade, daß Du eingetreten, denn nun stehst Du in den Listen.“ Ulrich antwortet seinen Eltern am 19. Juni 1934: „Das Lager und ebenso der SA-Dienst ist für alle Studenten der Akademie, die noch nicht 5 Hochschulsemester hinter sich haben, Zwang. Das habe ich Euch doch damals in Hindelang gesagt. Ich kann nie weiter studieren, wenn meine Testatkarte nicht voll ist. Wenn ich jetzt nicht ins Lager gehe, so muß ich es in den Sommerferien nachholen. Und da habe ich schon genug zu tun. Arbeitsdienst und 3 Wochen Sportlager.“ Von seiner 27-jährigen Tochter Mathilde weiß Modersohn, dass sie als Mitglied der Frauenschaft für die Einrichtung von Mütterberatungsstellen in Ostfriesland zuständig ist.

Otto Modersohn führt ab März 1933 eine handschriftliche Bilderliste, die bis zu seinem Todesjahr 1943 reicht. Hierin sind alle Bilder und ihre Maße angegeben – für das Jahr 1933 allein 310 Gemälde, von denen 172 in die Monate März bis Oktober fallen, die der Maler im Allgäu verbringt. Diese außerordentlich hohe Produktivität ist zum einen auf die intensive Arbeitsweise des Künstlers zurückzuführen, zum anderen aber hat sie – in wirtschaftlich schweren Zeiten – auch finanzielle Gründe: Privaten Kunden und hauptsächlich seinen beiden Sammlern gegenüber, dem Maler und Arzt Dr. Paul Wassily und dem Kieler Stadtbaurat Hahn, zeigt sich Modersohn kompromissbereit. Gilt die Nachfrage Motiven, die er schon einmal gemalt und mit Erfolg verkauft hat, scheut er sich nicht, den Auftrag anzunehmen und das Motiv zu wiederholen. So ist beispielsweise das Moorthema seit 1933 wieder hoch aktuell. Diese einseitige Orientierung seiner Kunden missfällt dem Maler und er klagt darüber in seinem Tagebuch. Aber allein im Jahr 1934 verkauft er über 60 Bilder und Studien.

„Ich entwickle immer mehr einen Stil für Blumensträuße“, notiert Modersohn am 12. November 1933. „Sie werden immer reicher, phantastischer, geheimnisvoller – so ein Strauß ist eine Wunderwelt, phantastischer als die Natur da draußen, eine Märchenwelt, ein Feenreich.“ Angeregt durch seine Allgäu-Aufenthalte und den Reichtum der Alpenflora beginnt er Blumen als „Sträuße“ zu malen (Wiesenblumen auf grünem Tisch, Strauß mit Frauenschuh). Schon immer hatte er sich besonders für die Blumenbilder der Franzosen Courbet, Renoir, van Gogh, Fantin-Latour und Redon begeistert: „Courbet. Stilleben, ganz unerhört. Mohn und Veilchen, diese Rots, grau, bläulichrot, und – wie gemalt. Renoir. Stilleben, rote Blumen, ganz dünn, zart – auch herrlich.“ (Tagebuch, 1906, nach einer Ausstellung in Bremen).

„Gerne male ich auch bei elektrischem Licht (…) Dabei schlichte Farben, gebrochen, indifferent, milde, gedämpft, zart, nuancenreich, nicht bunt, einheitlich, eine Dominante, eine Harmonie – ohne Effekte (…) Male vor der Natur unter Zugrundelegung einer persönlichen Idee oder ich male nach einem Naturerlebnis nach Notizen und Zeichnungen.“
12. November 1933

„Meine Kunst beschäftigt mich ja sehr, sie füllt alle meine Tage aus, aber es bleibt ein Gefühl der Vereinsamung und Leere in mir, wie könnte es anders sein, das mich oft niederdrückt. Eine Sehnsucht beherrscht mich oft, die nur Du stillen kannst“. Otto Modersohn am 25. Januar 1934 an seine Frau. „Möchte demnächst unser Zusammenleben ein recht glückliches und inniges werden. Möchte das Gefühl der Zusammengehörigkeit uns verbinden, wie ehemals.“

In der Zeit vom 20. April bis zum 23. Oktober 1934 entstehen wieder zahlreiche Bilder auf dem Gailenberg. Und Modersohn zeichnet. Seit 1933 haben seine bis 1943 reichenden Skizzenblöcke, es sind siebzig an der Zahl, ein neues, einheitliches Format: 13,5 × 21 bzw. 14,5 × 21 cm. Diese Blöcke enthalten jeweils 20 Blätter. Der Künstler führt sie auf seinen täglichen Wanderungen mit sich, die er meistens am späten Nachmittag nach der Arbeit im Atelier macht. In seinen Zeichnungen hält er fest, notiert, deutet knapp an, was er beobachtet. Eilig, gleichsam im Vorübergehen, vorwiegend mit einem mittelharten Bleistift oder mit schwarzer Kreide. In ihrem häufig äußerst reduzierten, unfertigen Zustand fasst er sie als Notizen zu seinen Bildern auf, sie sind nicht für einen Betrachter gedacht, sondern Teil eines Arbeitsprozesses. Tagebuch, 25. Dezember 1933: „Vor der Natur muß man immer ans Bild denken. Und im Atelier genug mit der Natur gerüstet sein.“ In den Skizzenbuchzeichnungen überwiegt das lineare Element. Aus Bäumen, Zweigen, Ästen wird ein Tiefenwirkungen zurückdrängendes Liniennetz. Stämme durchkreuzen, überschneiden sich und vergittern das Bildfeld, das ein Eigenleben zu führen scheint. Die späten Fischerhuder Kompositionen beschränken sich auf den Horizont, die Wolken, wenige als Silhouette vor den Himmel gestellte, vom Wind niedergedrückte Bäume, schwindendes Licht, Regenwände. Es sind ganz aus dem Gefühl, dem persönlichen Empfinden entstandene Blätter und als summarische Mitteilungen des alternden Künstlers von sich selbst zu verstehen.

„Das Gebirge übt auf mich einen immer stärkeren Reiz aus. Es ist auch romantisch, merkwürdig, geheimnisvoll, wie das Moor (ferne Berge, Wolken, Nebel) (…) nach Würzburg, Wertheim, das Allgäu. Der Gailenberg und seine Umgebung (…) Ich möchte das Haus dort nicht missen. Die Landschaft im Gebirge ist dramatischer, packender (…) Im Gebirge: Form durch Aufsicht, Verschiebung, ferne Berge.“
18. Mai 1934

Am 22. Februar 1935 feiern Familie, Freunde und Nachbarn in Fischerhude Otto Modersohns 70. Geburtstag. Die Zeit von Ende Juni bis Anfang August verbringt er noch einmal im Allgäu und malt acht Bilder. Es ist ein „sehr unglücklicher Sommer“, wie der Maler einem Freund berichtet, denn eines Tages schmerzen seine Augen plötzlich so stark, dass er sich umgehend untersuchen lassen muss. Die Diagnose „Netzhautablösung des rechten Auges“ ist einschneidend. Sie bedeutet den Verlust des rechten Augenlichts und macht eine weitere künstlerische Arbeit auf dem Gailenberg unmöglich. Seinem Tagebuch vertraut er an: „Meine Malerei ist mein ganzer Trost, wo mir das Leben so viel versagt hat, sie ist der Quell, der alles Traurige und Schwere woran mein Leben so reich ist, versinken läßt.“

In Fischerhude malt Modersohn fast nur noch im Atelier seiner Wohnung im Hause der Familie Freese, nahe der Wümme. Ab jetzt kann von einem „Spätwerk“ als Konstante gesprochen werden. Es ist vor allem auch die Atmosphäre der Fischerhuder Wintertage, die ihn wiederholt anregt. Er habe den Winter in Fischerhude besonders gern, schreibt er, er liebe das „Neblige, Verschwimmende“, das nur Geahnte und Angedeutete. Er sucht die gebrochene Helligkeit und findet am Ufer der Wümme mit den dicht stehenden Bäumen jenes gleichmäßig-verhaltene, blau-graue Licht wieder, das sich mit der für ihn so wichtigen Vorstellung des „Intimen“ verbindet. Immer deutlicher erreicht er nun auch in seiner Malerei das großzügig Zusammenfassende, das seine Zeichnungen und „Abendblätter“ so bemerkenswert macht. In Modersohns späteren Fischerhuder Bildern vermittelt sich die spezifische Stimmung durch solche Stimmungsträger wie kahles Geäst, Friedhof, Herbst, winterliche Schneelandschaften. Der Umfang dessen, was der Maler sehen kann und will, konzentriert sich immer mehr.

Ein Bericht des zeitgenössischen Journalisten Erwin Sylvanus gibt einen Einblick in das Schaffen des Künstlers während seiner letzten Jahre:

Das Bild ist bei Modersohn ausschließlich dem Atelier vorbehalten. Er malt vornehmlich in den Morgenstunden. Er sitzt in seiner Glasveranda und hat das Land um sich. Die Arbeiten der letzten Zeit sind an die Wände gelehnt und blicken ihn aufmerksam an. Er nimmt seine Feldstaffelei, stellt sie auf, holt einen sorgfältig aufgezogenen Spannrahmen, seine Malutensilien und lebt in den folgenden Stunden ausschließlich und allein seinem Werk, das keine störenden Gedanken und keine Ablenkungen zulässt.
Aus seiner Skizzenmappe hat er sich ein – oder auch zwei Blätter hervor gesucht, die ihm heute gerade ganz besonders eindringlich erscheinen. Manchmal hat er sich auch nachts unablässig mit dem neuen Bilde beschäftigt und weiß am anderen Morgen im emsigen Suchen ganz genau, welches Blatt er heute vornehmen will und wie es aussah, das ihm in der Nacht so bedeutsam erschien.
Mit großen, sicheren Strichen legt er nun in Kohle das Bild an, so sparsam wie möglich, und nur er allein weiß, was die bizarren Linien bedeuten. Schon aber hat der ursprüngliche Entwurf, wie der aufmerksame Beschauer sieht, leichte Veränderungen erfahren. Und das ist notwendig, um der Bildidee treu zu bleiben.

Abermalige Veränderungen gehen vor sich, wenn Modersohn nun an die farbliche Ausführung geht. Er ist voller Gesichte und voller Empfindungen, ja, eine leichte Unruhe ist über ihn gekommen, da er nun beginnt, und der Pinsel kann nicht schnell genug eilen, damit möglichst bald irgendetwas Festes im Bild ist, gleichzeitig über die ganze Leinwand verteilt, dass schon der Himmel Weiße hat und das Moor violette Bräune und das Wasser einiges Blau, und sei es auch nur ein Tupfen. Von dieser ersten Verteilung, so ungeregelt und farblich ungebrochen sie auch scheinen mag – man möchte fast von einer Improvisation sprechen – ist sehr viel, oft alles abhängig. Ist das werdende Bild so farblich aufgeteilt, dann wird der Maler ruhiger. Er betrachtet es, vergleicht es mit der Skizze und besitzt bedenkenlos die Kühnheit, abermalige Veränderungen vorzunehmen. Er malt ja sein Bild.

Nun beginnt Modersohn die Ausarbeitung, jetzt entfesselt er seine ganze Seele und der Pinsel wird von keinen körperlichen Händen mehr geführt. Der Pinsel ist nun in kleiner, aber intensivster Unruhe, jeden Seelengedanken blitzschnell auszuführen und ebenso blitzschnell zurückzunehmen. Das Geheimnis der Modersohnschen Farben beginnt zu glühen. Unablässig ist der Pinsel auf der Leinwand, und er kann von einem Moorkatendach zu einer Wolke und einer Birke übergehen, als male er überall gleichzeitig, auch die augenblicklich unbeschäftigt erscheinende Bildstelle wird beobachtet, muß eine Beziehung finden zu dem, was auf der anderen Bildstelle vorgeht, und vermag sie es nicht, wird sie ebenso schnell verändert. Ein Bildorganismus soll entstehen.

Manchmal freilich hat der Pinsel eine heitere Gelassenheit. Das ist, wenn er einen unscheinbaren Farbpunkt ganz ausbreitet. Dann zieht er aus eben diesem Farbpunkt die erstaunlichsten Farbvariationen. Hat er ihn aber so ausgebreitet, dann kehrt er an den Farbinnenraum zurück und verteilt unaufhörlich weiter. Auch neuere, kleinere Farbpunkte werden eingesetzt und bis an die Variationsenden des ersten ausgezogen oder auch noch darüber hinaus, falls sie nicht ausschließlich für die Innenfläche bestimmt sind.

Inzwischen ist die Mittagsstunde nähergerückt. In Stimmung, Ausdruck und der wesentlichen Ausführung ist das Bild nun fertig. Modersohns Bilder sind alle aus einem ungeteilten, unkomplizierten Stimmungsanlaß entstanden. Das also fertige Bild wird am anderen Tage und auch wohl noch am übernächsten Tage wieder vorgenommen oder aber es bleibt nun Tage, ja Wochen, hier stehen, bis es genügend geprüft ist und der Maler weiß, wo die Stimmungskonturen noch vertieft werden müssen. Diese Atelierluft wirkt erzieherisch für das Bild; es weiß bald selbst, wo es noch verändert werden muß.

Mit sicheren, noblen Strichen setzt der Künstler sein lateinisches Signum: Otto Modersohn. 31. August 1942

Immer mehr auf einen Menschen angewiesen, der ihn umsorgt und ihm den Haushalt führt, engagiert der Maler im Mai 1936 die aus Helmsheim im Kraichgau stammende Landwirtstochter Johanna Eißler. Die künstlerisch interessierte und der Malerei zugeneigte 35-Jährige ist auf Empfehlung einer befreundeten Malerin aus München nach Fischerhude gekommen. Sie hat bereits in verschiedenen Familien als Kinderpflegerin gearbeitet und mehrere Monate in Argentinien gelebt. In Modersohns äußerst einfachem Haushalt fällt anfänglich besonders viel Arbeit für sie an. Johanna Eißler räumt auf, putzt, kocht, bäckt, näht und wäscht. Oft ist Besuch im Haus. Die Töchter Elsbeth und Mathilde, die Söhne Ulrich und Christian, die Bontjes-Kinder Cato, Mietje und Tim, Freunde, Nachbarn, Kollegen. Johanna Eißler mag die Stimmung und die „mit Kunst gesättigte Atmosphäre des Modersohn-Hauses“, schnell fühlt sie sich in ihrer Rolle als Haushaltsvorstand anerkannt, ist bald mit allen freundschaftlich verbunden und beginnt schließlich, durch die Umgebung angeregt und von Modersohn ermuntert, selbst zu malen. Ihr bevorzugtes Motiv sind Blumensträuße. Blumensträuße in Vasen, Krügen oder Gläsern auf dem Ausschnitt eines Tisches vor ruhigem Hintergrund. Mit Beginn der Fünfzigerjahre wird Johanna Eißler als Malerin von der Öffentlichkeit zunehmend wahrgenommen und zeigt ihre Blumenbilder in Ausstellungen.

„Ich habe den dringenden Wunsch, Euch wiederzusehen“, schreibt Louise Modersohn am 8. Dezember 1936 an ihren Mann nach Fischerhude. „Da es doch wohl ausgeschlossen ist, daß Du je wieder hierher kannst, muß der Schwerpunkt wieder nach Norden verlegt werden. Und das bedeutet eben die Trennung vom Gailenberg.“ Trennung vom Gailenberg, ja, aber nur unter der Bedingung, in der Nähe von Fischerhude ein neues Zuhause zu finden. Louise weiß, was sie sich wünscht: „Es ist ein alter Moorhof für sich gelegen und er liegt in Deinem uralten Maldorf in Bergedorf, mit Blick auf den Weyerberg. Er kostet nur 12 000 M.“

Sie lässt in verschiedenen süddeutschen Zeitungen inserieren und bietet ihr Allgäuer Haus zum Verkauf an. Interessenten melden sich, schieben jedoch konkrete Verhandlungen immer wieder auf. Weder wird das Haus auf dem Gailenberg verkauft, noch ein Moorhof bei Fischerhude erworben.

Kurz nach Hitlers Machtübernahme 1933 war das Reichspropagandaministerium unter Leitung von Joseph Goebbels angewiesen worden, „Werke deutscher Verfallskunst seit 1910 auf dem Gebiet der Malerei und Bildhauerei zum Zwecke einer Ausstellung auszuwählen und sicherzustellen“. Am 19. Juli 1937 wird die Ausstellung „Entartete Kunst“ mit Arbeiten von rund 12o Künstlern im alten Galerietrakt der Hofgartenarkaden in München eröffnet. Unter den zusammengetragenen Werken befinden sich auch zwei Gemälde von Paula Modersohn- Becker, die allerdings schon kurz nach dem Eröffnungsabend wieder abgehängt und in die Depots nach Berlin gebracht worden sein müssen. Bei einer zweiten, noch umfassenderen Requirierungsaktion etlicher tausend „entarteter“ Werke aus Museumsbeständen „zwecks Förderung anständiger und ernst zu nehmender deutscher Kunst“ kurz darauf, werden weitere 21 Arbeiten der Künstlerin konfisziert. Mit der Münchner „Entarteten“- (Verkaufs-) Ausstellung erzielen die NS-Behörden einen gewaltigen Effekt auf mehreren Ebenen: Der Rekord-Besuch macht sie zur meist besuchten Ausstellung moderner Kunst in den 30er Jahren; gleichzeitig ist sie ein Werbemedium, das die internationale Aufmerksamkeit erfolgreich auf sich zieht und ausländisches Käuferinteresse weckt.
Zuständiger Referent für Bildende Kunst im Reichspropagandaministerium ist Dr. Rolf Hetsch. Der promovierte Jurist und Kunsthistoriker aus München, der zuvor, 1937, als Kustos an die Staatlichen Sammlungen nach Dresden berufen worden war, ist für die Inventarisierung der beschlagnahmten Werke und die Überwachung der Verkäufe aus den Depots verantwortlich. Hetsch hatte anlässlich des 25. Todestages von Paula Modersohn-Becker 1932 das „Buch der Freundschaft“ herausgegeben, Erinnerungen von Familienmitgliedern und Freunden an die Malerin. Seit 1928 verbindet ihn auch eine freundschaftliche Beziehung zu Otto Modersohn. In seiner Funktion als Referent im Reichspropagandaministerium ist er um die Sicherung diffamierter und beschlagnahmter moderner Kunst bemüht. Hetsch in einem Brief an Otto Modersohn:

Vor allem beglückt mich das Bewußtsein, auf dem Gebiet der verfemten modernen Malerei, Graphik und Plastik, die in so vielen Fällen ungerecht als „entartet“ diffamiert wurde, helfend und korrigierend wirken zu können. Ich denke hierbei an Corinth, Munch, Vincent van Gogh, Nolde, Barlach, Marc und nicht zuletzt an Paula Modersohn-Becker. Von Lehmbruck, Bötticher, Morgener und all den vielen ganz zu schweigen. Ich konnte es in zähem Kampf verhindern, daß all die vielen tausend in Museen beschlagnahmten Werke vernichtet wurden (…) Auch alle Gemälde, Skizzen, Zeichnungen und Graphiken Paula Modersohn-Beckers (bis zum letzten unscheinbaren Blättchen), über die das Verdikt schon gesprochen war, sind auf meine Initiative hin erhalten geblieben und zu diesem Zweck fast förmlich an ausländische Museen und Sammler (namentlich auch nach Amerika) verkauft.
18. Oktober 1939

Rolf Hetsch hat auch das 1937 in der Bremer Kunsthalle beschlagnahmte Gemälde „Worpsweder Bauernmädchen“ von Paula Modersohn-Becker vor der Vernichtung retten können, dessen Abbildung die „Bremer Zeitung“ 1935 mit der Unterschrift versehen hatte: „Dieses Bild ist ein Schlag ins Gesicht der deutschen Jugend und besonders der niedersächsischen Jungmenschen, der besten Erbhüter der Nation“. Hetsch konnte den Maler und Sammler Emanuel Fohn veranlassen, das „Worpsweder Bauernmädchen“ innerhalb seiner Tauschverträge für ihn „zu treuen Händen“ mit zu erwerben. Nach Absprache mit dem Kunsthallendirektor Emil Waldmann wurde Hetsch zum „auswärtigen Mitglied“ des Bremer Kunstvereins ernannt, um das Bild als Leihgabe verwahren zu können. Das Gemälde wurde 1945 von Frau Hetsch an die Bremer Kunsthalle zurück gegeben.

„Ich denke, diese Nachrichten werden Sie, lieber Herr Modersohn, sehr beruhigen“, schreibt Hetsch in seinem Brief vom 18. Oktober 1939 weiter. „Unvergeßlich sind die Eindrücke, die ich gerade vor Ihren Gemälden auf einer großen Worpsweder Ausstellung vor zwei Jahren gewann, eine traumhafte Wassergrabenlandschaft (…) stellte alle anderen Bilder ringsum in den Schatten: so unbeschreiblich schön war sie.“

Am 21. April 1938 hatte Louise Modersohn an ihren Mann nach Fischerhude geschrieben: „Im Übrigen bin ich fest in der Malerei wie noch nie, doch brauche ich neue Pinsel und eine Staffelei (…) ich brauche auch Leinwand, wenn ich neue Bilder anfange. Ich habe 2 Landschaften, eine im Tobel und ein Blumenstilleben gemalt und ein Stilleben mit einem toten Hermelin. Ich bin sehr glücklich, daß ich wieder ganz in meinem Geleise stecke, aus dem mich nichts mehr reißen wird. Ich habe das Wohnzimmer abgesperrt und ganz als Atelier eingerichtet.“ Und am 8. Dezember 1938:

Für mich hat der Gailenberg seine Pflicht erfüllt. Ich selbst bin durch die abgeschlossene Ruhe zu großen Erkenntnissen gekommen, die Buben sind stark und der Zeit gewachsen, die große physische Anforderungen stellt. Das Geistige kann nur um so schönere Blüten tragen. Ich habe große Hoffnung, daß wir immer mehr Freude an ihnen haben werden. Wenn uns nur die Kriegsfurie erspart bleibt. Christian kennt den Ernst und nutzt seine Zeit wo er kann. Ich werde, sobald ich Geld habe, die Portraits, die noch hier sind, photographieren, um sie Dir schicken zu können. Ich freue mich, daß Ulrich im Hause ein gemütliches Atelier hat. Er braucht Ruhe, wenn er ruhiger wird, wird sich sein großes Talent erst entfalten. Christian ist schon jetzt gereift und gefaßt; man möchte ihm alles aus dem Wege räumen.
8. Dezember 1938

Es gibt ein eindrucksvolles Porträt von Otto Modersohn, das der Fischerhuder Künstler – Freund Hans Meyboden zwischen 1938/39 gemalt hat. Es zeigt den bärtigen Maler in seine Arbeit vertieft. Die Utensilien: Pinsel, Palette, Farben, Leinwand. Hinter den schwarzen Rändern seiner Brille kann man den trübe gewordenen Blick ahnen, unter dem schwarzen Samtkäppchen, das Modersohn stets trägt, das schüttere Haar.

Noch vor Kriegsausbruch wurde in Bremen, im Juni 1939, im Graphischen Kabinett in der Rembertistraße eine Einzelausstellung mit Bildern von Hans Meyboden gezeigt, in der auch dieses Porträt von Otto Modersohn zu sehen war.
Zwischen Ende Mai und Ende Juni 1939 hält sich Otto Modersohn zum letzten Mal in Hindelang auf. Es entstehen Zeichnungen in Skizzenbüchern. In Fischerhude nimmt er einige dieser Motive auf und malt drei Variationen des Hirschbachwäldchens im Frühling und eine Abendstimmung bei Hinterstein.
Louise Modersohn nach der Abreise ihres Mannes am 20. Juli 1939: „Ich möchte Dir heute nur sagen, daß ich sehr gerne an die Sommerzeit denke mit den schönen Eindrücken und guten fruchtbringenden Gedanken. Innsbruck, Breitachklamm usw. das waren Höhepunkte. Ich denke mit dankbarem Herzen an all das gemeinsame Gute.“

Mein lieber Otto. Schwere Tage liegen hinter mir und der Ausblick in die nächste Zeit ist auch nicht erfreulich. Darf ich es Dir gegenüber einmal aussprechen, daß ich schwer unter der Last der Zeit leide. Das Seelische ist bei mir mit dem Körperlichen eng verbunden und schlägt sich immer auf das Herz, das will zeitweilig gar nicht mehr. Im Ersten Weltkrieg, oder vielmehr nach seiner Beendigung, sagte ich einmal, ein zweites Mal halte ich das nicht aus und so ist es jetzt. Ulrich hat es mir auch nicht leichter gemacht. Er war schrecklich erpicht, an die Front zu kommen und da es bis jetzt nicht so glückte, voller schlechter Launen, unfreundlich, ungerecht und ungeduldig. Ich habe oft nächtelang keinen Schlaf gefunden und mich tief um ihn und Christian gesorgt. Diese furchtbare Sorge frißt an meiner Gesundheit. Ich kann es nicht ändern – die vielen auftauchenden eisernen Kreuzchen in den Zeitungen rufen trübe Erinnerungen an den Weltkrieg wach. Wenn im Westen aus dem Stellungskrieg einmal ein Bewegungskrieg wird, kostet es Millionen Menschenleben, nicht Tausende, wie im Polenkrieg! Arme, arme deutsche Jugend! Ich konnte nichts tun als mein ganzes Wünschen und Bitten ins ‘Positive’ zu leiten. Not lehrt beten. Was sagt Dein Bruder Ernst, wie geht es ihm und seiner Familie? Was sagen Deine anderen Geschwister? Endlich fängt Ulrich an, ruhiger zu werden. Er hat sogar mit Malen begonnen. Die ruhige Größe der Natur, die Erhabenheit der Bergwelt bringt alles in das richtige Lot, zeigt die Nichtigkeit menschlichen Wollens, Hastens, Hetzens, das Opfern und Geopfertwerden für materielle Werte (…) Hoffen wir also, daß es einigermaßen militärisch ruhig bleibt und nicht von neuem alle bösen Triebe aufgewühlt werden, daß aller Unrat wieder an der Oberfläche treibt und die Menschen am ruhigen Schaffen hindert. Also, lieber Otto, Glaube, Liebe Hoffnung – das ist die Geduld der Auserwählten, halten wir uns daran, das ist der einzige Stab, an dem man sich aufrichten kann. Du selber hältst Dich auch unbewußt daran. Dein Schaffen ist die Liebe zur Kunst, die Hoffnung und den Glauben daran und die Geduld gab Dir Gott als Göttergeschenk, so kannst Du in Deiner Welt leben, unbeirrt ob die Umwelt in Trümmer geht. Ich selbst habe hauswirtschaftlich gesorgt und die vorhandenen Gartenfrüchte eingemacht, ein ganzer Berg Konserven, die ich zum Frühjahr, wenn alles knapp wird, aufheben werde (…) Ich wünsche Dir nun weiter Ruhe und glückliche Arbeit und hoffe auf ein freudiges Wiedersehen in baldigem Frieden. Alles Gute Euch Dreien. Eben höre ich, daß die Rationen herabgesetzt werden. Jetzt bin ich froh, daß ich für Euch vorgesorgt habe. Ihr könnt auch noch Wildpret erhalten, das frei ist, bitte schreibe mir darüber sofort. Besprich’ Dich mit Fräulein Eißler.
9. Oktober 1939

Ich schreibe Dir ausführlich, wenn wir wissen, was sich für Ulrich entscheidet. Er war z.B mal in Sonthofen. Jetzt hat er in Kempten angefragt.
20. Oktober 1939

„Seit Wochen wütet jetzt der Krieg“, schreibt die neunzehnjährige Cato Bontjes van Beek aus Fischerhude am 24. Oktober 1939 an ihre Tante Louise Modersohn ins Allgäu. „Nie wollten die Menschen sich wieder bekämpfen, so schwor man 1918. Alle Feinde lagen sich in den Armen und unter Tränen gelobten sie es sich. 1933 wußte man, daß ein neuer Krieg kommen würde. Er ist nun da. Wie lange er dauern wird, weiß niemand. Alle guten Kräfte und Instinkte werden wieder verlorengehen. Alle bösen Kräfte und Instinkte werden wieder aufkommen.“

Cato Bontjes van Beek hat nach einem halbjährigen Aufenthalt in einer befreundeten Familie in England die kaufmännische Fachschule des Lette-Vereins in Berlin besucht und lässt sich inzwischen in Bremen weiter ausbilden. Sie möchte später einmal Keramikerin werden und in der von ihrer Tante Amelie Breling betriebenen Töpferwerkstatt „Fischerhuder Kunstkeramik“ mitarbeiten, in der auch ihr Vater, Jan Bontjes van Beek von 1920 bis 1931 tätig war, bevor er im selben Jahr nach Berlin ging und eine eigene Werkstatt gründete. Bontjes-van-Beek erhielt verschiedene Auszeichnungen auf internationalen Ausstellungen. 1947 wurde er zum Direktor der Kunstakademie Weissensee ernannt, 1953 zum Direktor der Meisterschule für das Kunsthandwerk Berlin-Charlottenburg.

Nach ihrem Reichsarbeitsdienst in Ostpreußen beginnt Cato im September 1940 eine Lehre in der Keramischen Werkstatt ihres Vaters und wohnt bei ihm und seiner zweiten Frau Rahel am Kaiserdamm in Berlin-Charlottenburg. Cato, für ihr menschenliebendes Wesen und ihren ausgeprägten Gerechtigkeitssinn bekannt, begeistert sich für Literatur und Musik und ist eine passionierte Segelfliegerin.

„Weißt Du, lieber Ulrich“, schreibt sie angesichts der sie erschütternden politischen Entwicklungen am 7. August 1940 an ihren sieben Jahre älteren Cousin Ulrich Modersohn, mit dem sie trotz ihrer so grundsätzlich anderen politischen Haltung dennoch eine herzliche verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehung verbindet, „ich suche und suche immer noch nach der Wahrheit. Es gibt doch nur eine, kann es ja nur geben. Wo ist sie? Ich meine sie schon oft gefunden zu haben, aber immer wieder muß ich mich abwenden und wieder vor dem Nichts stehen.“

Der 27-jährige Ulrich Modersohn ist inzwischen als Soldat eingezogen worden. Auch sein drei Jahre jüngerer Bruder Christian, ebenfalls Student an der Kunstakademie in München, muß jetzt an die Front und als Artillerist am Feldzug gegen Frankreich teilnehmen.

Otto Modersohn reagiert mit Erschöpfungszuständen auf die Ereignisse und Entwicklungen.

Verhandlungen mit Leuten, die zu ihm ins Atelier kommen, um Bilder zu kaufen, strengen ihn so sehr an, dass er sich oft vorzeitig in sein Schlafzimmer zurückziehen und hinlegen muß. Häufig bittet er Johanna Eißler, die Abschlüsse für ihn zu tätigen.

Während des 2. Niederdeutschen Malertages in Worpswede, angeregt durch den Gauleiter Otto Telschow, verleihen die Nationalsozialisten Fritz Mackensen, seit 1937 Mitglied der NSDAP, Otto Modersohn und noch ein paar weiteren Künstlern den Niederdeutschen Malerpreis. Anläßlich einer Otto Modersohn-Ausstellung im selben Jahr in Berlin, die von Gurlitt ausgerichtet wird, erwirbt das Reichspropagandaministerium im Auftrag von Joseph Goebbels drei Bilder. Modersohns Lage ist prekär. Zum einen von den Nationalsozialisten hofiert und ausgezeichnet, sieht er sich andererseits zunehmend mit den Repressalien bezüglich der als „entartet“ kritisierten Bilder seiner verstorbenen Frau Paula konfrontiert, deren Werke – Stilleben mit blauem Kasten, Selbstportrait mit Lilien, Otto Modersohn schlafend – in seiner Atelierwohnung hängen.

Anfang des Jahres 1940 besuchen Rolf Hetsch und seine Frau Otto Modersohn in Fischerhude. „Es ist für meine Frau und mich einer der stärksten, beglückendsten Eindrücke unseres Lebens gewesen, bei Ihnen sein und mit Ihnen vor Ihren Bildern weilen zu dürfen“, bedankt sich Hetsch am 7. Januar 1940 für die „gütig freundschaftliche Gastlichkeit“ Modersohns und würdigt den Maler mit einem Aufsatz in der Zeitschrift „Kunst im Deutschen Reich“.

„Auch die Berliner Ausstellung in der Galerie Gurlitt, die ich anregte, wird nach Ihren Wünschen stattfinden“, schreibt der Referent weiter und teilt dem Maler mit, dass er auch „gestern noch einmal die Frage Ihres Professorentitels im Ministerium angeschnitten“ habe. „Ich lasse Sie nicht aus den Augen.“ In der Reichskammer für Bildende Künste setzt sich Hetsch für die Verleihung des Professorentitels an Modersohn ein. Er sei ein „hervorragender Landschaftsmaler, dem die Worpsweder Künstlergruppe ihren berechtigten, weil über die Grenzen reichenden Ruhm“ verdanke“, heißt es in der Begründung. Mit dem Argument jedoch, Titelverleihungen seien während der Zeit des Krieges bis auf besondere Ausnahmefälle, zu denen Modersohn nicht gehöre, ausgesetzt, wird der Antrag abgelehnt. Dafür wird er anlässlich seines 75. Geburtstags am 22. Februar 1940 mit der „Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft“ ausgezeichnet, eine Ehrung, die während der Zeit des Nationalsozialismus „für besonders hervorragende Verdienste“ im jeweiligen Fachbereich vergeben wurde. Emil Waldmann, Direktor der Kunsthalle Bremen am 25. Februar 1940 in einem Glückwunschbrief: „ Ich wünsche Ihnen, mir und uns allen, daß der Tag nicht fern sei, wo wir in der Kunsthalle unsere Bilder wieder aufhängen können. – Und dann stelle ich mich, wenn alles hängt, im Worpsweder Saal vor die vier Werke Ihrer Hand, die wir besitzen und freue mich daran. Ein Stück meiner Jugend steckt mit darin, denn ich fing an, Kunst zu lieben noch als Schuljunge, als Sie in Bremen Ihre Bilder zeigten und die Kunsthalle dann damit groß wurde.“

Zwei Jahre später, am 30. Januar 1942, wird Otto Modersohn – wiederum auf Betreiben von Rolf Hetsch – der Professorentitel schließlich zuerkannt. Das Wirken von Hetsch ist also für die weitere Rezeptionsgeschichte des Malers von durchaus zwiespältiger Natur: So werden Paula Modersohn-Beckers Bilder mit Hilfe von Rolf Hetsch beschlagnahmt und unter seiner Mithilfe vor der Vernichtung gerettet. Otto Modersohns Ehrungen hingegen erweisen sich nach dem Krieg und bis heute als desavouierend, ist er doch dadurch in den Verdacht der Teilhabe geraten.

Der im Reichspropagandaministerium tätige Rolf Hetsch sorgt im Sommer 1942 auch dafür, dass Modersohns 26-jähriger Sohn Christian, der während des ersten Rußlandfeldzugs 1941 als Stangenfahrer und Meldereiter eingesetzt und im August zum ersten Mal verwundet worden ist, jetzt, bei seinem zweiten Rußlandeinsatz, als Maler und Pressezeichner einer Propagandakompanie in Potsdam erneut in den Krieg zieht. Mehr als fünfzig Aquarelle, Zeichnungen und Skizzen entstehen vom Geschehen an der Front, von russischen Gefangenen, von Kirchen, Dörfern und ihren Bewohnern und Landschaften zwischen Don und Wolga. Im Oktober 1942 wird Christian Modersohn in Stalingrad durch einen Granatsplitter schwer verwundet und von drei Russen medizinisch versorgt. Dank ihrer Hilfe kann er dem Inferno entfliehen.

Olga Bontjes van Beek an Otto Modersohn, Berlin, 6. Februar 1943:

Mein lieber Otto! Endlich bin ich imstande Dir zu schreiben über ein schweres Geschick, das uns alle aufs Tiefste getroffen hat. Unsere liebe Cato ist vor einiger Zeit von der Gestapo verhaftet worden aus uns allen unbekannten Gründen. Nun erst, da die Angelegenheit beim Kriegsgericht ihren Abschluß fand und Cato zu der schwersten Strafe verurteilt wurde, sehen wir etwas klarer und haben sofort die Schritte unternommen, die noch einmal alles aufs Genaueste durchprüfen, da wir niemals annehmen können, daß Dodo (Cato) etwas so Schwerwiegendes getan haben kann, daß diese furchtbare Strafe ihr auferlegt werden mußte (…) Lieber Otto, Du kannst Dir vorstellen, wie wir nun immer in unseren Gedanken bei Dodo sind und sie erträgt alles mit solch einer Größe und ihre Haltung ist, wie mir gesagt wurde, bewunderungswürdig (…) Ich wollte Dir einmal darüber schreiben, da ich weiß, wie sehr Du mit uns fühlst. Christian wird Dir auch noch vieles sagen können. Ich hörte, daß er bald zu Dir kommt. Er hat ja hier mit uns alles durchgemacht. Wir sind hier alle, auch Amelie, versammelt und das gibt mir einen großen Halt (…) Nun ist Tim auch, wie Du wohl schon wissen wirst, seit dem 13. I. in Rußland. Wohin er gekommen, wissen wir noch nicht. Die letzte Nachricht war von der russischen Grenze vom 13. Das ist alles sehr schwer zu ertragen, aber wir wollen hoffen, daß auch dieser furchtbare Krieg bald seinem Ende zugeht. Wie freue ich mich für Dich, daß Christian Urlaub bekam und wo ist Ulrich? Hoffentlich noch in Holland. Und wie geht es Dir und Fräulein Eißler? Habt Ihr ruhige Nächte? Leb‘ wohl, lieber Otto, hoffentlich können wir uns bald wiedersehen und kann ich Dir persönlich alles sagen, was mich so sehr bedrückt.
6. Februar 1943

Familie und Freunde von Cato Bontjes van Beek ahnen nicht, dass sie im Untergrund aktiv ist und seit Spätsommer 1941 zur Widerstandsgruppe Schulze-Boysen-Harnack in Berlin gehört, die von den Nationalsozialisten als „Rote Kapelle“ bezeichnet wurde und deren Ziel es war, das nationalsozialistische Regime zu bekämpfen. Mit ihrem Freund Heinz Strelow beteiligt sich Cato Bontjes van Beek an der Herstellung und Verbreitung von Flugschriften. Im Rahmen einer groß angelegten Verhaftungswelle gelingt Gestapo und Spionageabwehr im Juni 1942 der entscheidende Schlag gegen die „Rote Kapelle“. Im August 1942 wird Harro Schulze-Boysen verhaftet und am 20. September auch Cato Bontjes van Beek und ihr Vater Jan in dessen Wohnung am Kaiserdamm 22 in Berlin-Charlottenburg.

Otto Modersohns Nichte Cato als Widerstandskämpferin im Gefängnis, die zum Tode verurteilt ist, sein Sohn Ulrich als Soldat im Krieg, der jüngere Sohn Christian ebenfalls an der Front, seine Frau im weit entfernten Allgäu, die eigenen Bilder als Heimatkunst missverstanden – die seelischen Belastungen, unter denen der Maler leidet, erfordern ein Übermaß an Kraft. Er stirbt, 78-jährig, am 10. März 1943 an Gallenkrebs. Sein Sohn Christian hält das Profil des Vaters auf einer „Otto Modersohn auf dem Sterbelager, 1943“ betitelten Bleistiftzeichnung fest.
Am 14. März 1943 wird Otto Modersohn auf dem Friedhof im Fischerhuder Ortsteil Quelkhorn beigesetzt. Die Inschrift auf seinem Grabstein stand auf dem alten Balken über dem Eingang des Fischerhuder Hauses, in das er 1909 mit seiner dritten Frau Louise eingezogen war: „Deine Rechte will ich halten, verlaß mich nimmermehr.“ (119 Psalm)
Der Stader Heimatforscher Hans Wohltmann in seiner Abschiedsrede an Otto Modersohns Grab:

Er malte weniger die äußere Erscheinung, seine Augen schauten, seine Seele fühlte in der Natur das geheime Leben und Weben, das uns die Kraft des ewigen Schöpfers ahnen läßt. Mit unerhörter, ja genialer Leichtigkeit und in starkem Schaffensdrang gestaltete er die Bilder, die er in der Natur sah, die seine Seele fast übermächtig erfüllten. So wurde Otto Modersohn nicht ein Heimatmaler in engerem Sinne, er wurde der große deutsche Landschaftsmaler (…) Leid und Glück haben ihn als Menschen reifen lassen und haben ihn in seiner Kunst sich steigern lassen. Bis zuletzt blieb er empfindungszart, immer neuen Eindrücken aufgeschlossen, schuf er Gemälde von stärkstem Stimmungsgehalt. Auf dem Krankenbette noch schaute er innerlich Bilder, Bilder, die er malen wollte; er ahnte nicht, daß der Tod leise herantrat, um ihm, ohne daß er es merkte, den Pinsel aus der fleißigen Hand zu nehmen. Seine Tochter Elsbeth und sein Sohn Christian waren die letzten Tage bei ihm, Fräulein Eißler betreute ihn, seine Gattin weilte in der Nähe.
14. März 1943

„Fischerhude ist so erschreckend leer und Du hast Deinen Vater nicht mehr angetroffen“, schreibt Cato Bontjes van Beek aus dem Gerichtsgefängnis an der Kantstraße in Berlin-Charlottenburg am 26. April 1943, dem 2. Ostertag, an ihren Cousin Ulrich Modersohn, der Heimaturlaub hat und sich vorübergehend in Fischerhude aufhält. „Man kann sich gar nicht vorstellen, daß er keine Bilder mehr malen wird (…) Daß ich Dir nun schreibe, geschieht aus großer Liebe zu Fischerhude. Jetzt in den Ostertagen denke ich besonders stark an all das Schöne, das wir gemeinsam erlebten (…) Wäre ich doch nie aus Fischerhude fortgegangen. Aber glaube mir, mein lieber Ulrich, ich bin ebenso – oder wieder – wie Du mich in Fischerhude kennst und von meinem Inneren habe ich nichts verloren. Wenn ich diese Zeit überstehen werde, so habe ich nur gewonnen an innerer Kraft (…) Meme schrieb mir, daß Christian sich später an der Wümme etwas bauen will. Ich weiß den Platz genau und freue mich über seine schöne Wahl. Es geht doch nichts über Fischerhude! Sage Christian auch Dank für seinen Brief Anfang des Jahres (…) so sind wir uns doch immer nah.“ Ulrich hatte seiner Cousine Cato am 1. Februar 1943 in einem „verspäteten kleinen Neujahrsgruß“ geschrieben: „Ich hatte schöne Urlaubstage in Fischerhude, hatte mich gänzlich ins Malen versenkt. Und doch hat mir etwas schmerzlich gefehlt, da ich niemanden von unserer jungen nach der alten Bredenauer Generation fand. Zu Weihnachten kam jedenfalls noch der Christian. Nun sage ich Dir gute Nacht, Du wirst bald wieder von mir hören. Dein gutes Herz und Deine Gradheit werden Dich immer sicher führen.“

Ulrich Modersohn aus Rußland an seine Mutter Louise:

In diesen Stunden, da vielleicht eine ausschlaggebende Entscheidung für uns angefangen hat, möchte ich Dir noch einen herzlichen Gruß und vielen lieben Dank sagen für all Deine liebe Post, für Deine Gedanken und die Gaben. Seit gestern Nachmittag hat ein wahres Inferno in den Lüften und auf der Erde eingesetzt. Heftigste Artillerie-Duelle und Luftkämpfe von unabsehbaren Maschinen.

Was ist mit Dodo. Ich muß immer an sie und auch an Olga, Meme und Tim denken. Hat er nun Urlaub? Und was ist mit Christian?

Wir alle sind ja nur Atome in diesem großen Schicksalsgetriebe und doch hat jeder von uns sein eigenes Herz, seine eigenen Freuden und Schmerzen. Sei immer voll Hoffnung, es wird alles gut werden.

5. Juli 1943

Nur neun Tage liegen zwischen diesem Brief Ulrich Modersohns an seine Mutter und jenem 14. Juli 1943, an dem der 30-Jährige in den Wäldern von Bjelgorod in Rußland ums Leben kam. Einen Tag vor seinem Tod, am 13. Juli, hatte Ulrich seine gesamte Korrespondenz zusammen mit letzten eigenen Notizen in kleinen Päckchen an seine Mutter geschickt.

Angehörige und Freunde von Cato Bontjes van Beek versuchen seit ihrer Verhaftung verzweifelt, durch Gnadengesuche eine Vollstreckung ihres Todesurteils zu verhindern. Selbst der Vorstand der Kirchengemeinde Fischerhude reicht ein Gnadengesuch ein. Aber Hitler persönlich lehnt die Begnadigung der jungen Frau ab. Cato Bontjes van Beek wird „wegen Beihilfe zur Vorbereitung des Hochverrats und zur Feindbegünstigung“ am 5. August 1943 im Alter von 22 Jahren mit zwölf anderen Frauen und drei Männern in Berlin- Plötzensee hingerichtet.

Otto Modersohns Tochter Elsbeth aus Ilmenau an Louise Modersohn, Weihnachten 1943:

Zum Weihnachtsfest möchte ich auch Dir herzliche Grüsse senden und Dir als Zeichen meines Deingedenkens dieses kleine Päckchen senden. Du wirst auch das Fest mit schwerem Herzen feiern. Viel Schweres hat Dir das Jahr gebracht und Ernst und Bedrücktheit ist um uns zu sehen. Aber um so mehr will man da die Weihnachtsbotschaft in sich aufnehmen und die Dunkelheit vom Licht vertreiben lassen. Wenn wir uns an das Licht halten, werden wir eher mit dem Schweren fertig. 12. Dezember 1943

Nach dem Tod von Otto und Ulrich Modersohn überläßt Louise Modersohn die Atelier-Wohnung in Fischerhude ihrer Stieftochter Mathilde. Zusammen mit ihrem Sohn Christian wird sie nach dem Krieg eine Modersohn-Galerie auf dem Gailenberg einrichten, um der Öffentlichkeit neben den Bildern der Familienmitglieder vor allem das Werk Otto Modersohns zugänglich zu machen. Die Galerie wird im Oktober 1948 eröffnet. Wechselnde Ausstellungen, Dichterlesungen und Kammermusikabende machen sie schon bald über die Grenzen des Ostrachtals hinaus bekannt.

Louise Modersohn stirbt am 17. September 1950 auf dem Gailenberg und wird in Hindelang beigesetzt.

Der Schwerpunkt des öffentlichen Interesses an Otto Modersohn beginnt sich zunehmend wieder in den Norden zu verlagern. Im Jahr 1957 verkaufen Christian Modersohn und seine aus Hindelang stammende Frau Anna, geb. Lipp (1921–1997) ihr Haus auf dem Gailenberg an den Wuppertaler Ingenieur Conrad Grebe und siedeln ganz nach Fischerhude über. Auf einer von Christian Modersohn bereits 1943 erworbenen Eichenwiese am Ende der Straße Bredenau entsteht ein Wohnhaus. 1974 wird das Otto-Modersohn-Museum errichtet, in dem das umfangreiche Gesamtwerk des Künstlers archiviert und ausgestellt ist.