Otto Modersohn Museum

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Fischerhude

Die mit dem Tod seiner zweiten Frau Paula Modersohn-Becker verbundene Trennung von Worpswede und sein Umzug nach Fischerhude schließlich bringen eine erneute und verstärkte Konzentration des Künstlers auf sich selbst. Veränderungen seines Stils werden deutlich. Die einzelnen Bildelemente wirken lapidarer, sind schroffer angelegt. Die Farbskala der Gemälde weist oft auch strenge, dunkle Töne auf; anstelle klarer Flächenfarbe tritt entmaterialisierte Transparenz. Vor allem die Atmosphäre der Fischerhuder Wintertage regt den Maler wiederholt an.
Er liebt das Nebelige, das Verschwimmende,  sucht die gebrochene Helligkeit und findet am Ufer der Wümme mit den dicht stehenden Bäumen jenes gleichmäßig-verhaltene, blau-graue Licht wieder, das sich mit der für ihn so wichtigen Vorstellung des „Intimen“ verbindet. In Modersohns späten Fischerhuder Bildern wird die Stimmung durch stimmungsträchtige SymboIe ausgedrückt: kahles Geäst, Friedhof, Herbst,winterliche Schneelandschaften.

Der Umfang dessen, was der Maler, seit 1935 auf dem rechten Auge blind, sehen kann und will, reduziert sich immer mehr.

„Die Woche in Fischerhude war herrlich“, schreibt Otto Modersohn am Abend des 10. August 1906 aus Worpswede an Paula Modersohn-Becker nach Paris. „Das Dorf wirkte märchenhaft auf mich. Das Wasser bringt so viel Leben hinein … Ich habe auch einiges gemalt, darunter ein Bild Die Wümme unter Bäumen ist vielleicht das Farbigste was ich bisher gemalt.“
Zu diesem Zeitpunkt kann Modersohn nicht ahnen, dass hier sehr bald schon ein neuer Abschnitt persönlicher und künstlerischer Entwicklung für ihn beginnen soll. Als Paula Modersohn-Becker 1907, 31-jährig, nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Mathilde stirbt, verlässt Otto Modersohn Worpswede und siedelt nach Fischerhude über.

Seinen ersten Ausflug in das nur wenige Kilometer von Worpswede entfernte Dorf Fischerhude hatte Otto Modersohn 1896 mit seinem Freund Fritz Overbeck gemacht. Einige Jahre später besuchte er es mehrfach zusammen mit seiner Frau Paula. Als diese im Ehekrisenjahr 1906 nach Paris reiste, entschlossen, sich von ihrem Mann zu trennen, suchte der Maler wiederum die Weltabgeschiedenheit des Dorfes in der Wümmeniederung auf, um dort Ablenkung und künstlerische Anregung zu finden. Mit den in Fischerhude entstehenden Studien des Sommers 1908 führt Otto Modersohn seine in Worpswede entwickelte Malerei vor der Natur fort. „Alles ist feste Klarheit, Bestimmtheit, eine freie Heiterkeit und Farbenluft, leuchtende Kontraste und einfache Wahrheit. Ein Sommertag glüht auf, mit allen Lichtern und Schatten, die seine Helligkeit erzeugt, mit aller gesunden Fruchtbarkeit, die uns entgegenduftet“, wie ein ungenannter Kunstkritiker Otto Modersohns Studien dieser Zeit in der 1910, in dritter Auflage erschienenen „Worpswede“-Monographie beschrieb.

Die Beschäftigung mit der neuen französischen Kunst dieser Jahre brachte ihm neue Einsichten für sein Werk, die er nun in Fischerhude umsetzte. Zweifellos war die besondere Situation Fischerhudes – die Wasserläufe, die den Ort durchziehen und mit ihren Spiegelungen von Häusern, Bäumen und Wiesen den Charakter des Dorfes bestimmen – das auslösende Moment für den Wandel seiner Kunst. Ein Gemälde wie Bauerngarten mit Insel zeigt dies in exemplarischer Weise. Die breit gesetzten Pinselzüge, die auch als eigener Wert die Bildstruktur prägen, erinnern an den Farbauftrag van Goghs.

Dass dies 1911 seinen Niederschlag fand, wird verständlich – im selben Jahr hatte Otto Modersohn als einziger „Worpsweder“ leidenschaftlich für den Ankauf des Bildes Mohnfeld von Vincent van Gogh als eines der anregendsten Bilder moderner Kunst durch die Kunsthalle Bremen Partei genommen und sich im entstehenden Streit entschieden für die Kunst und gegen ein falsch verstandenes Nationalgefühl geäußert:

„Die Nationalität spielt bei der Kunst überhaupt keine Rolle, es kommt lediglich auf die Qualität an. Wenn sich die Kunst bei uns in den letzten Jahren gehoben hat, so verdanken wir das in erster Linie der bei uns immer bekannter gewordenen guten französischen Kunst. Die Bodenständigkeit unserer Kunst wird, soweit sie echt ist, dadurch nicht leiden.“
(Otto Modersohn, Im Kampf um die Kunst, 1911)

Nach dem Tod seiner Frau Paula Modersohn-Becker und der Sichtung Ihres umfangreichen Nachlasses, die Otto Modersohn zusammen mit Heinrich Vogeler vornimmt, wächst das Interesse an deren Kunst. Rudolf Alexander Schröder, Georg Biermann, Rainer Maria Rilke, Clara Rilke-Westhoff und Bernhard Hoetger sind ganz erschüttert und ergriffen von der Fülle und Qualität der Bilder, die von ihnen in den Jahren zuvor kaum wahrgenommen wurden.

1908 werden die Werke erstmals in Worpswede bei Franz und Philine Vogeler im Kunst- und Kunstgewerbehaus gezeigt. Es folgt im Dezember eine in Bremen umstrittene Präsentation von 47 Bildern in der Kunsthalle, für die sich auch sein Freund Fritz Overbeck gegenüber dem Direktor Gustav Pauli nachdrücklich eingesetzt hatte und im Mai 1909 kommt es zu einer Ausstellung in der Galerie Cassirer in Berlin, die ihre 44 wichtigsten Bilder neben den bedeutendsten Malern Frankreichs zeigte. Erstmals hielt sie dem Vergleich mit van Gogh, Renoir, Manet und Monet stand. 1913 folgte dann noch eine Ausstellung in Hagen bei Karl-Ernst Osthaus, der aus der Ausstellung das Selbstbildnis mit Kamelienzweig erwarb.

Das Jahr 1909 bringt für Otto Modersohn eine erneute Lebenswende. Am 14. April heiratet er Louise Breling (1883–1950), die zweitälteste Tochter des nun auch in Fischerhude ansässigen ehemaligen Königlichen Professors der Münchener Akademie und Malers am Hofe Ludwigs des II. Heinrich Breling (1849–1914) war in Fischerhude aufgewachsen und hatte sich, nachdem er seit 1895 lediglich in den Sommermonaten Fischerhude aufgesucht hatte, 1908 in der Bredenau ein Haus gebaut. Otto Modersohn war zum Richtfest eingeladen und lernte bei dieser Gelegenheit seine spätere Frau kennen.

Nach der Hochzeit bewohnten Otto und Louise Modersohn nicht das seit Monaten verwaiste Worpsweder Wohnhaus sondern bleiben in Fischerhude. Sie ziehen mit seiner Tochter Elsbeth aus erster Ehe, in ein Bauernhaus Im Pool. 1911 holte das Ehepaar auch die Tochter Mathilde, aus der Ehe mit Paula Modersohn-Becker, zu sich. Mathilde war von seiner Schwägerin Milly Rohland-Becker in Basel zusammen mit der eigenen, fast gleich alten Tochter aufgezogen worden.

1913 wurde Ulrich Modersohn (1913–1943), der erste von zwei Söhnen, geboren.

Anders als seine Worpsweder Malerkollegen Hans am Ende, Fritz Mackensen und Heinrich Vogeler, meldet sich Otto Modersohn 1914 bei Kriegsanbruch nicht als Freiwilliger. Seine Kurzsichtigkeit hatte ihn schon früher vom Wehrdienst befreit. Im Kriegsherbst 1915 zog die Familie Modersohn zurück in das Worpsweder Wohnhaus, da man Not litt und die Miete sparen wollte.

Neben der Organisation von Ausstellungen Paula Modersohn-Beckers, findet Otto Modersohn immer wieder zur Auseinandersetzung mit der eigenen Kunst. Seine künstlerische Zielsetzung dieser Zeit fasst er 1910 in seinem Künstlerischen Bekenntnis zusammen (Auszug): „Man muß die Natur abkürzen, durch Vereinfachung wird man stark. Je schneller der Blick alles umspannt, desto besser; man muß nur das Wesentliche, gewissermaßen den Extrakt geben. Ein Bild muß eine Einheit sein; … Dem Großen und Einfachen muß sich das Reiche, Bewegte gesellen.“

Die Eingliederung des Einzelnen in das Ganze ist das Wesen der Cézannschen Synthese

Im Herbst 1915, der Erste Weltkrieg tobt gerade ein Jahr inmitten Europas, entschließt sich Otto Modersohn zusammen mit seiner Familie in sein Worpsweder Haus zurück zu kehren, das er im Frühjahr 1908 verlassen hatte. Mehr der Not geschuldet, als der Erkenntnis, dass es sich in dem mit zwei tragischen Verlusten behafteten Haus (seine erste Frau Helene Schröder und seine zweite Frau Paula Modersohn-Becker starben dort) besser leben ließe als in Fischerhude, wo er 1908 seinem Leben eine entscheidende Wende geben wollte.

Modersohn konnte in den Kriegsjahren kaum von den Verkäufen seiner Bilder leben. Seit den Wintermonaten 1915/16 entstehen bis zum Herbst 1918 ausschließlich kleinformatige Bilder auf Holztafeln, wie sie bei Tischlern als Abfallholz für wenig Geld zu bekommen sind. Daneben gibt es aber auch facettierte Mahagonitafeln, die wohl in größerer Anzahl aus besseren Zeiten noch vorrätig waren. Ausgelöst wurde diese Beschränkung auf das kleine Format durch einen Besuch Emil Waldmanns, der sich für Otto Modersohns kleine Bildstudien des Münsteraner Frühwerks begeisterte, die er dann im Winter 1916 in der Kunsthalle Bremen ausstellte und der eigenen Erkenntnis, dass diese Bilder in ihrer intimen Durchbildung etwas ganz Eigenes und Seltenes seien.

„Ein tiefes Naturgefühl, nicht vermengt mit irgend einer Beimischung moderner oder archaischer Setzung, dabei tieffarbig und voller Koloristik spricht aus diesen Bildern. Dem Format entsprechend ist die Technik sehr glücklich gewählt; sie hat nicht das Materielle der Ölfarbe, und in der Art, wie die Einzelheiten nur leicht angedeutet sind, um Wesentliches dann schärfer zu betonen, finde ich eine gesteigerte Meisterschaft der Bildökonomie.“ schrieb Carl Vinnen an Otto Modersohn, nachdem er dessen kleine Tafeln im Juli 1917 in Bremen gesehen hatte.

Im Mai 1917 zog es Otto Modersohn zurück nach Fischerhude. Im Ortsteil Wilhelmshausen richtete sich die Familie eine Atelierwohnung im Hause des Tischlers Freese ein, ganz in der Nähe des Nordarms der Wümme.

In der folgenden Zeit wandelt sich seine Malerei hin zu flächigen, ganz transparent aufgebauten Bildräumen, die seinen Bildern den Eindruck von farbigen Geweben verleihen. Auch zeigt sich in diesen Arbeiten eine beziehungsreich ausgewogene Ordnung der Kompositionselemente, die Otto Modersohns intensives Studium Cézannscher Bilder spiegelt. Auch die Bilder des deutschen Expressionismus blieben nicht ohne Wirkung. In ganz eigener Weise versuchte er eine Anverwandlung dieser Einflüsse. Das Stoffliche tritt zurück, zugunsten des formal Gemeinsamen in der Natur.


„Ich will die Naturformen zu Trägern meiner Ideen machen das Stoffliche muß man ganz überwinden, alle Dinge müssen etwas Gemeinsames haben, wie ein Gewebe trotz der Tiefenwirkung den Flächencharakter betonen – im Gegensatz zum Naturalismus.“

(Otto Modersohn, Tagebuch, 10. Mai 1921)

Die 20er Jahre waren von intensiven gemeinsamen Studienreisen mit seiner dritten Frau Louise Modersohn-Breling (1883–1950) nach Wertheim und Würzburg geprägt. Einen tiefen Eindruck machte schon 1916 der Besuch der fränkischen Stadt Wertheim, an Main und Tauber gelegen, auf das Künstlerpaar Modersohn.


„Auf dieser Reise habe ich eine sehr wichtige Erfahrung gemacht. Einfachheit, Vereinfachung ist das Wichtigste, nicht bloß in der Form, sondern noch mehr in der Farbe.
Ein Akkord, eine Harmonie muß das Bild darstellen. Innerhalb des Akkordes dann reich in den Nuancen. Alles kommt darauf an, daß ein Bild ‘stark’ ist. Paula redete immer davon und diese Vereinfachung, Zusammenfassung in Form und Farbe, ist das Hauptmittel ein Bild stark zu machen. Und darin sind fast alle Zeiten, alle große Meister verwandt. Bei Stilleben nur nicht zuviel und bunte Gegenstände, die nur die Bildwirkung absprächen und zerreißen und sich gegenseitig stören. Ein Klang, nicht soundsoviele. Alles überflüssige – raus.“
(Otto Modersohn, Tagebuch, 10. September 1923)

„Erster Grundsatz muß sein: einfach, diskret, verhalten, ohne Effekt, ohne Kontraste, ohne besonderen Aufwand. In Münster war ich so schlicht und intim, das bildet den künstlerischen Reiz dieser Sachen. Ein Bild muß gute Malerei sein. Ich liebe vor allem sichtbaren Ton und Strich, darum werde ich auf nichtsaugendem Grunde malen mit Malmittel, Grund benutzend, Grund leicht getönt und besonders bei hellen Bildern weiß. Oft malt sich’s gut auf alten Bildern; die Farben haben oft einen eigenen Reiz darauf. Mittel stehen lassen; je mehr man die Mittel zeigt und sieht, desto besser. Man nimmt dann an dem geistigen Vorgang teil.“
(Otto Modersohn, Tagebuch, 30. September 1923)

„Freiheit und Intimität sind die beiden Hauptziele meiner Kunst, beide müssen zusammenwirken, wenn diese reif und echt sein soll. Freiheit ist von höchster Wichtigkeit. Man muß seinem Stoff ganz frei gegenüberstehen Kunst ist eine Neuschöpfung an Hand oder auf Grund der Natur. Darin liegt gerade die Freude beim Schaffen. Ein Bild wird viel besser, das diesen freien Atem hat. Man muß seine Phantasie mit der Natur komponieren. Man muß die Natur nach seinen Vorstellungen umgestalten. Nicht der ist ein großer Maler, der die Natur getreulich wiedergibt, sondern der, der die Natur mit seiner Phantasie erfüllt und diese neu entstehen lässt, wie seine Phantasie sie erschaut.“
(Otto Modersohn, Tagebuch, 17. August 1924)

Im Schlichten das Große und
Künstlerische sehen

Die Jahre 1926 bis 1932 sind für Otto Modersohn und seine Frau mit einschneidenden Veränderungen verbunden. Wie schon 1925, reist das Ehepaar auch 1926 und 1927 nach Würzburg, auf das Hofgut Neue Welt zur Malerfreundin Gertraud Rostosky, und daran anschließend in das Allgäu nach Unterjoch, Oberjoch, Fischen und Tiefenbach.

Otto Modersohn, der sich in Franken, namentlich in Wertheim, Iphofen und Sulzfeld so wohl fühlte, dass er sich dort einen zeitweiligen Sommerwohnsitz vorstellen konnte, findet im Allgäu keine Bindung, weder menschlich noch künstlerisch. Die Bergwelt erschließt sich ihm nicht in der Weise, wie zuvor die sanfte fränkische Mainlandschaft.

Aber auch menschlich bleibt ihm die etwas derb-rustikale Wesensart der bayerischen Bergbewohner zunächst fremd. Anders geht es seiner Frau Louise Modersohn-Breling, mit der er seit 1909 in dritter Ehe verheiratet ist. Sie fühlt sich dort schnell heimisch, sucht Kontakt zu den Menschen und unternimmt mit ihnen ausgedehnte Bergwanderungen. Louise Modersohn-Breling, 1883 in München als zweite Tochter des Malers am Hofe Ludwigs II., Heinrich Breling (1849–1914) geboren, zieht es zurück nach Bayern.

Die wachsende Verehrung für die früh verstorbene zweite Ehefrau Otto Modersohns, Paula Modersohn-Becker, wirft immer größere Schatten auf Louise Modersohns Leben. Ihre Rolle als dritte Ehefrau, als Stiefmutter, zweifache Mutter und Künstlerin, der man öffentlich vorwirft, sie wolle am Ruhm ihrer Vorgängerin partizipieren, ist außerordentlich problematisch. Es verwundert nicht, dass sie zunehmend nach Möglichkeiten sucht, dem komplizierten familiären Umfeld zu entfliehen.

So dehnt sie ab 1927 die gemeinsame Studienreise ins Allgäu immer mehr aus und lässt ihren Mann allein nach Fischerhude zurückreisen, bevor sie sich, Wochen später, zur Heimkehr entschließt. Das Allgäu wird für sie immer stärker zu einem wichtigen Ort und Bezugspunkt, an dem sie sich frei und eigenständig fühlen und künstlerisch arbeiten kann. Louise Modersohn träumt von einem Haus im Süden Deutschlands. Sie würde gerne an den Bodensee ziehen oder auch ins Allgäu und bedrängt Otto Modersohn inständig, ihr in diesem Wunsch zu folgen.

Otto Modersohns Malerei zeigt in den Jahren 1926–1928 nuancierte stilistische Wandlungen. Er erprobt verschiedene Malgründe, experimentiert mit saugenden und nichtsaugenden Malträgern, Tempera- und Ölfarbe, mit dünnem und pastosem Farbauftrag. Transparente, licht gehaltene Bildräume wechseln mit gedeckten, ganz verdichteten.

Seine bevorzugten Motive in Fischerhude bleiben die überschwemmten Wümmewiesen mit der Spiegelung des hohen Himmels, das Wümmeufer mit seinen urtypischen Entenhäusern, Stegen und Schleusen, die Surheide mit ihrem Gehölz und die Moorlandschaft mit den diagonal gesetzten Gräben, Moorkaten und Birkenstämmen. Hinzu kommen Wiederholungen seiner großen Moorbilder, die er zumeist im Auftrag des Kunsthandels malte.

Seiner Frau berichtet Otto Modersohn ins Allgäu – wo sie sich seit 1928 auf die Suche nach einer eigenen Bleibe für ihre Familie gemacht hatte – von seinen Aufträgen, Verkäufen, Ausstellungsbeteiligungen und Besuchen seiner Kunsthändler, die ihn vor einem Wohnortwechsel warnen. Er beschwört seine Frau eindringlich nach Fischerhude zurückzukehren. Er befürchtet, dass ein Umzug in den Süden die finanzielle Existenz der Familie ernstlich gefährden könne. 1929 gibt Otto Modersohn dem Drängen seiner Frau nach und freundet sich zunehmend mit dem Gedanken an einen Zweitwohnsitz an.

Ein Jahr später erwirbt er ein altes Bauernhaus auf dem Gailenberg bei Hindelang im Allgäu, wo er bis 1935 die Frühjahrs- und Sommermonate verbringen und malen wird. In diesen glücklichen Monaten ist die Familie wieder vereint. Man malt gemeinsam in den Bergen, die nun auch für Otto Modersohn zu einer neuen Quelle der Inspiration werden.

Otto Modersohn schreibt am 29. Oktober 1930 nach seiner Rückkehr in einem Familienrundbrief: „Ich habe einige sehr schöne Monate auf unserem Besitztum im Allgäu verlebt. Nur zu schnell verging die Zeit. Erst hatten wir viel Regen und die Berge erglänzten im Schnee, dann kamen herrliche Wochen, in denen ich viel arbeiten konnte. Die großartige Bergwelt mit ihrem magischen Farbenzauber hat einen großen Eindruck auf mich gemacht. Die neuen Stoffe haben sehr erfrischend und verjüngend auf mich gewirkt.“

Durch die mehrmonatigen Aufenthalte im Allgäu reduziert sich das in Fischerhude entstandene Werk jahreszeitlich auf die Frühjahrs- und Wintermonate. Sein großer Erfahrungsreichtum eröffnet ihm zunehmend eine malerische Umsetzung seiner Skizzen und Kompositionen aus der Vorstellung. Otto Modersohn nähert sich in dieser Zeit seinem häufig geäußerten Ideal an, seine Bilder wie seine Kompositionen entstehen zu lassen, ganz der Intuition hingegeben, verdichtete Vorstellungsbilder aus dem überreichen Fundus seiner Bilderfindung zu schöpfen.

Man reduziert auf das Wesentliche …

Kennzeichnend für die Gemälde aus dem letzten Lebensjahrzehnt Otto Modersohns ist das Ungefähre, Dämmerige, Schummrige und Verträumte. Die Landschaftsmotive seiner Bilder sind stark von Empfindung erfüllt. Er vertrat die Überzeugung, dass die Wiedergabe der bloßen Naturbeobachtung im Bilde noch kein Kunstwerk ausmacht: „Zu einer echten Kunst gehört zweierlei“, schreibt er: „Intimes Naturgefühl, Naturverständnis, Naturbeobachtung und gleichzeitig: freie persönliche Auffassung, Phantasie.“

Die Natur bildete für Otto Modersohn die „Grammatik“, die er zeichnend und skizzierend unermüdlich studierte. Ebenso gern bediente er sich aber auch dieser Grammatik in der freien Kompositionszeichnung, die das Geschaute auf seine Grundelemente reduzierte. „Man reduziert auf das Wesentliche, schafft aus dem Innern, vermeidet das Realistisch-naturalistische.“ Das heißt: „beim Malen nicht nur die Natur anstreben wollen, aus dem Innern gestalten, bereichern.“ Otto Modersohns späte Bilder zeigen überwiegend die spätherbstliche oder winterlich verschneite Wümmelandschaft in abendlicher Dämmerung. Die Himmel sind fast immer wolkenverhangen. Eine heimelige Düsternis liegt über den eingeschneiten Dorfstraßen, den Häusern und über dem Friedhof im Abendlicht. Nur selten erscheint seine Palette aufgehellt, wie in dem Bild Winterabend von 1938.

Seine Stärke lag gerade in seiner Beständigkeit wie in der unerschütterlichen Grundüberzeugung seines Schaffens. Das gewaltige zeichnerische Werk, das nie eine Spur von Erschöpfung und Ermüdung erkennen lässt, bezeugt seine künstlerische Verlässlichkeit.

Otto Modersohn war eine eigene Persönlichkeit. Er ist durch ein langes und unendlich fruchtbares Künstlerleben hindurch seinem Gesetz treu geblieben. Bescheidenheit im formalen Anspruch, Demut vor der Natur und die Fähigkeit, ihrem leisen Atem zu lauschen – das sind Eigenschaften, die er sich von seinen frühesten Studien im Skizzenbuch oder auf der Malpappe an bis an sein Ende erhalten hat. Diese Eigenschaften sind vereint mit einer nie erlahmenden Neugier gegenüber den Geheimnissen, die sich dem schauenden Auge in der ihn umgebenden Natur boten. (Günter Busch)


„Meine Kunst beschäftigt mich ja sehr, und sie füllt meine Tage aus, aber es bleibt ein Gefühl der Vereinsamung in mir, wie könnte es anders sein, das mich oft niederdrückt. Wir haben wieder leisen Frost und Rauhreif, die Landschaft sieht herrlich aus, die Wiesen sind weit überschwemmt und alles läuft Schlittschuh – Ich habe einen künstlerisch fruchtbaren, erfolgreichen Winter hier erlebt. Fischerhude ist mir von neuem lieb geworden dadurch. Ich bin jetzt ganz wissend geworden.“

(Otto Modersohn, Tagebuch, Fischerhude 1934)

„Mir liegt vor allem nur das Geahnte, Angedeutete, darum liegen mir vor allem Dämmerungen, Mondschein etc. Das war der Reiz vieler Kompositionen, das ist meine persönliche Art. Darum liebe ich auch mehr graue, neblige Tage als Sonnenschein.“
(Otto Modersohn, Tagebuch, 1. Mai 1935)

„Schlicht und dabei nuancenreich, nicht aufdringlich. So sind in der Tat die besten Maler. Die Alten, Rembrandt, wie sparsam in der Farbe, nie bunt. So dachte ich damals in der Kasseler Galerie: … die Franzosen malten ein Bild aus zwei Farben (Derain, Corot, Utrillo, Renoir, Cézanne etc.) … Es wird immer mehr mein Ziel.“
(Otto Modersohn, Tagebuch, 1. Mai 1935)

„Konzeption – alles im Bilde muß in Beziehung zueinander stehen. Naturwahrheit allein ist nichts in der Kunst. Form und Farbe müssen Reiz haben und persönlich sein. Sehr oft werde ich nach Zeichnungen malen. … Der Winter in Fischerhude ist mir lieber als der Sommer. Warum? Ich liebe das Neblige, Verschwimmende …“
(Otto Modersohn, Tagebuch, Fischerhude, 5. Mai 1935)


Eine ausführliche Beschreibung der künstlerischen, persönlichen, familiären und politischen Ereignisse in Otto Modersohns Leben der Jahre 1933 bis 1943 finden Sie als Textauszug der Biographie Otto Modersohn – Leben und Werk von Marina Bohlmann-Modersohn hier.