Otto Modersohn Museum

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Heinrich Breling Stiftung

Heinrich Breling (1849–1914)

Brelings Kunst spiegelt fast exemplarisch die Entwicklung der deutschen wie auch europäischen Malerei – von der Darstellung historischer wie idealer Inhalte, einer Atelierkunst, zu einer Wirklichkeitssicht, welche die bildnerische Umsetzung des Alltäglichen im Naturlicht zum Thema macht.

Die Gemälde des Spätwerks weisen den Weg von der Wiedergabe gefühlsbetonter Stimmungen zur allein von der durchdrungenen Schönheit seiner Malerei getragenen Bildfindung. Seine besondere Wertschätzung in diesen Jahren galt den französischen Künstlern Cézanne, Gauguin, van Gogh, Monet und Manet, deren malerische Ökonomie der Mittel ihn begeisterte.

Das Zusammenspiel von Luft und Licht und eine strenge Gestaltung zeichnen Brelings Fischerhuder Bilder aus. Das bewegte Atmosphärische der Luft und die sichere Lichtführung geben ihnen eine vibrierende Lebendigkeit und Nähe. Er  schildert das einfache Leben der Bauern, das alltägliche Miteinander in seiner nächsten Umgebung mit großem malerischen Können und starkem Gefühl. Ganz besonders hervorzuheben sind zwölf Selbstbildnisse, die über eine naturalistische Wiedergabe weit hinausgreifen. Sie spiegeln mehr als den äußeren Schein, sind tief empfundene, ernste Zeugnisse des alternden, den nahen Tod fühlenden Malers.

Heinrich Breling gehörte zu den Malern, die sich eher zurückgezogen hielten. Die öffentliche Anerkennung blieb ihm weitgehend versagt. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sein früher Tod 1914, im Alter von 65 Jahren, in eine Zeit fiel, die denkbar ungünstige Vorraussetzungen für die verdiente Würdigung seines Werkes bot, über das zunächst der erste Weltkrieg und dann die Nachkriegszeit mit so ganz anderen Forderungen und Zielsetzungen hinweggingen. Das Werk dieses – einem anderen Jahrhundert angehörenden – Malers geriet schon bald in Vergessenheit.

Die Begegnung

Als Otto Modersohn mit seinem Studienfreund Fritz Overbeck im Spätsommer des Jahres 1896, ein Jahr nach dem sensationellen Erfolg der Worpsweder Maler im Münchener Glaspalast, auf einer Wanderung zufällig nach Fischerhude kam, war er freudig überrascht von der Eigenart und Urtümlichkeit dieses zwischen Wümmearmen und unter hohen Eichen versteckt liegenden Dorfes.

Vorsichtshalber wurde ein vorbeikommender Bauer gefragt: „Hier left jo wol keun Moler?“ Die unerwartete Antwort: „Eun is al dor – eun Professor Heinrich Breling in Pool“.

Die folgende erste Begegnung hatte Otto Modersohn eindrucksvoll geschildert: „Wir kamen in das alte Bauernhaus, dort saß in der Küche ein Maler (wie ein Millet), so, wie wir uns die Maler von Barbizon vorgestellt hatten. Ernst und bedächtig schnitt er sein Schwarzbrot für die einfache Abendtafel und gab die Scheiben nach links, denn um ihn herum saßen seine fünf Töchter, eine schöner als die andere. Ein Bild, wie von Ludwig Richter“, meinte er später, „das ich nie vergessen werde.“

Heinrich Christoph Gottlieb Breling, geboren am 14. Dezember 1849 als dritter Sohn des Zollbeamten Wilhelm Breling und seiner Frau Magdalene, geb. Lucie, kam 1854 mit seinen Eltern und Geschwistern von Burgdorf bei Hannover nach Fischerhude, da sein Vater an die Zollstelle Wilhelmshausen versetzt worden war, wo damals die Grenze zwischen dem Königreich Hannover und der Freien Hansestadt Bremen verlief.

Heinrich Breling wuchs in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Er ‚durfte’ die Gänse der Bauern auf der Weide hüten. Wenn man ihm mittags sein Essen, die Buchweizenklüten, brachte, traf man ihn mit Papier und Bleistift bei der Arbeit.

In Ermangelung eines Bleistifts – so wird berichtet – brach sich der Knabe zunächst  das alte Blei aus den Fenstern und bemalte jeden kleinen Fetzen des für ihn so kostbaren Papiers mit Porträts und Karikaturen, bis man ihm endlich den ersten Bleistift schenkte. Bald zeichnete er auch die Eltern und Schulkameraden. Sein Vater beobachtete das seltene Talent des Kindes und abonnierte die ‚Gartenlaube’, um Heinrich anzuregen. Er glaubte, durch die sorgfältige Ausführung der Abbildungen das Bestmögliche für seine Ausbildung zu tun. Jedoch der reichen Phantasie des Kindes entsprangen Bilder wie ‚Petrus im Kerker’, ‚Judith und Holofernes’ und ‚eine heilige Nacht’. Das sprach sich im Dorf herum und Heinrich bekam kleine Aufträge von den Bauern, hier die Großmutter und dort den Vater zu konterfeien. Reich beschenkt mit zwei oder drei Eiern und einem halben Brot kam er nach Hause.

Der Fischerhuder Gastwirt Hein wurde auf diese außer-gewöhnliche Begabung aufmerksam. Er nahm Verbindung mit dem Hannoverschen Zolldirektor auf und berichtete ihm vom hoffnungsvollen Talent des Zöllnersohnes.

Heinrich Breling war 12 Jahre alt, als 1862 seine Mutter starb. Man kann ermessen, wie schwer ihn dieser Verlust getroffen hat. Das Bild „Der Witwer“ gibt ein spätes Zeugnis von diesem Schicksalsschlag.

Mit 14 Jahren kam Heinrich Breling nach Hannover, erhielt auf einer Privatschule (Anhagen) Zeichen- und Malunterricht und machte dort die „Mittlere Reife“. Anschließend studierte er in der Kunstabteilung der Polytechnischen Hochschule Zeichnen und Malen. Der Königliche Hofmaler und Professor Oesterley war mit der Oberaufsicht seiner Ausbildung betraut worden und von ihm erhielt er auch Privatunterricht.

In Hannover hatte er sich mit dem Sohn des Hannoverschen Hofmalers Friedrich Kaulbach, dem später ebenfalls  in München als Porträtmaler der  Gesellschaft zu hohem Ansehen gekommenen Friedrich August von Kaulbach angefreundet. Nach erfolgreichem Abschluss wollten sie 1869 an der Münchener Kunst-akademie weiterstudieren, doch der Krieg gegen Frankreich verzögerte die Umsetzung dieses Planes.

Nach dem Krieg von 1870/71, den Heinrich Breling als Einjährig-Freiwilliger in Frankreich erlebte und von dem ein hochinteressantes Skizzenbuch Zeugnis ablegt, verlängerte der König von Hannover das Stipendium für seine weitere Ausbildung an der Münchener Akademie.

Es folgten bewegte Studienjahre bei dem in München neuen und beliebten Professor Wilhelm von Diez im Kreis von Kaulbach, Kuehl, Leibl, Trübner, Zügel u.a.. 1873 war Heinrich Breling Mitbegründer der Münchener Künstlervereinigung Allotria.

Diez stand in seiner Verehrung der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts im Gegensatz zur Piloty-Schule, die in München sehr erfolgreich eine etwas verstaubte, historisierende Kostümmalerei herausgebildet hatte.

Von Diez’ Lieblingsmotive waren Szenen des Dreißigjährigen Krieges mit marodierenden Söldnern. Auch dieser „Realismus“, der zwar eine neue malerische Sicht der Dinge proklamierte, mochte sich nicht mit zeitgenössischer Thematik, mit dem Leben als solchem befassen. Er klammerte die Darstellung der gesellschaftlichen Probleme der Zeit, wie soziales Elend und Industrialisierung, eher aus. Meisterschüler von Diez waren im Winterhalbjahr 1888/89 Fritz Mackensen und Hans am Ende.

1875 heiratete Heinrich Breling Amalie Mayer, die Tochter des stimmgewaltigen Münchener Ratskellerwirtes und Sängers Josef Mayer (Tenor Mayer), in dessen Wirtschaft die jungen Künstler gern gesehene und oft freigehaltene Gäste waren.

Einige mit großer Meisterschaft gemalte Aquarelle erregten 1880 die Aufmerksamkeit des „Märchenkönigs“ Ludwig II. von Bayern. Königliche Aufträge brachten ersten Ruhm. Bis 1884 zeichnete und aquarellierte er auf Schloss Linderhof und im Königshaus auf dem Schachen die Innenansichten der Bauten Ludwigs II.

Ihre Ausführung begeisterte den König derart, dass er Breling am 4. Januar 1883 im Alter von 33 Jahren zum Königlichen Professor an der Königlichen Akademie der Künste in München ernennen ließ. Von 1882–1892 bewohnte die Familie ein eigenes Haus in der Nähe des Schlosses Schleißheim bei München.

Vier Töchter (Amelie, Louise, Josephine und Henriette) wurden geboren. Breling wirkte in München als anerkannter, geschätzter Maler, wie zahlreiche Ausstellungskataloge belegen. Seine Kunst war gefragt – nicht nur in heimischen Gefilden, auch im Ausland bis nach Amerika.

Spätestens 1891 war die Blütezeit der „Münchner Bilder“ vorbei. Die Nachfrage ließ rapide nach.

Abhängig von einem florierenden Kunsthandel, waren auch viele durchschnittliche Talente nach München gezogen, die eher dem Geschmack des Publikums folgten und die eigene künstlerische Aufrichtigkeit beiseite gestellt hatten.

Zu viele mittelmäßige, konventionelle und modische Malerei hatte den Markt überschwemmt, der nun nicht mehr aufnahmebereit und zudem durch eine wirtschaftliche Krise geschwächt war.

Während sich in Frankreich die Nachimpressionisten einen Namen machten, war auch in München eine neue Künstlergeneration herangewachsen, die im April 1892 mit der Gründung des Vereins der bildenden Künstler Münchens,  der „Secession“, ihr Unbehagen gegenüber der eher auf eigenen Privilegien beharrenden Ausstellungspolitik der Münchener Künstlergenossenschaft ausdrückte.

Rückkehr an die Stätten der Jugend

Nach dem Tod Ludwigs II. 1886 gab er schließlich sein Haus in Schleißheim und seine Stellung an der Akademie im Frühjahr 1892 auf. Er verließ München, um sich neuen künstlerischen Herausforderungen zu stellen und kehrte wieder in seine niedersächsische Heimat zurück. Er zog zunächst nach Hannover, wo man ihm einen Lehrauftrag an der Polytechnischen Hochschule versprochen hatte, den er aber mit einem anderen Maler teilen sollte. „Weil er keine halben Sachen machen wollte“, verzichtete Breling und zog das unsichere Leben des freischaffenden Künstlers vor. Seine fünfte Tochter Emma wurde 1892 in Hannover geboren.

In Erinnerung an die Kriegszeit entstanden in den 90ger Jahren große Schlachtenbilder, zu denen er an Ort und Stelle eingehende Studien gemacht hatte. Das 1891 noch in München begonnene Hauptwerk, die dramatisch-bewegte Schilderung der Verteidigung von Beaune-la-Rolande, befindet sich im Besitz des Landesmuseums Hannover und begründete maßgeblich Brelings Ruhm als Kriegsmaler. Diese Bilder sind heute kaum mehr der Öffentlichkeit zugänglich.

Seit 1895 verbrachte Heinrich Breling mit seiner Familie die Sommermonate in Fischerhude, um hier der Natur nahe zu sein. Am 14. August 1896 wurde dort die sechste Tochter, Olga geboren. In Fischerhude wohnte man in einem Bauernhaus.

1907 zog Breling schließlich mit seiner Familie ganz nach Fischerhude und baute sich 1908 im Ortsteil Bredenau sein Atelierhaus. Zum Richtfest dieses Hauses war auch Otto Modersohn eingeladen. Ein Jahr nach dem tragisch frühen Tod seiner zweiten Frau Paula Modersohn-Becker, entschloss er sich in das Dorf an der Wümme zu ziehen, das er häufig mit ihr, der Familie Becker aus Bremen und Heinrich Vogeler besucht hatte. Während der Feierlichkeit erschien auch Brelings zweitälteste Tochter Louise, die Konzertsängerin aus Berlin. Otto Modersohn lernte sie kennen, und schon im darauf-folgenden Jahr fand die Hochzeit im Hause Brelings statt.

Aus Briefdokumenten der Familie Breling geht aber auch hervor, dass dieser Neuanfang in Hannover und Fischerhude nach den glanzvollen Münchener Jahren nicht leicht war. „Die zunehmende materielle Sorge wegen der Zukunft“, so die älteste Tochter Amelie in einem Brief an die Schwester Louise, „ist eben immer mit dem Malen verbunden“ und dann „Farben, Modelle usw., so ein Elend.“ Aber „er malt ein paar sehr schöne Bilder. Denke Dir nur, bei strömendem Regen ist er tagtäglich 1 ½ Stunde bis nach Huxfeld gewandert.“

Und in den Wintermonaten schrieb Amalie Breling aus Hannover ihrer Tochter: „Keine Kohlen zum Heizen, von Papa nichts angekauft … er ist halt wieder recht nervös und nicht gut beisammen.“

„Diese Frau hat nicht gelogen“

Als im November desselben Jahres die Kunde von Paula Modersohn-Beckers unfasslichem frühen Tod nach Fischerhude drang, äußerte Vater Breling – von seiner Familie mit der Frage bestürmt: „Wie hat sie denn gemalt?“ – den Wunsch, dieses einmal selbst zu sehen. Man ließ anspannen und fuhr per Kutsche nach Worpswede. Auch Paulas Mutter war aus Bremen gekommen, wie Olga Bontjes van Beek berichtete.

In Paulas Atelier, das Heinrich Breling gemeinsam mit Heinrich Vogeler und Otto Modersohn betrat, war alles noch unverändert. Voller Ernst betrachtete er Bild um Bild und die Zeichnungen und gab sein Urteil ab. Am Abend wieder in Fischerhude, wurde er erneut mit Fragen bedrängt. Seine kurze und doch so vielsagende Antwort könnte über diesem Leben und Werk stehen: „Ich habe etwas gesehen – diese Frau hat nicht gelogen.“

Frido Witte und Heinrich Vogeler im Atelier von Heinrich Breling

Der aus Schneverdingen stammende Maler Frido Witte besuchte zusammen mit Heinrich Vogeler (wohl um 1911) Fischerhude und auch Heinrich Breling: „Er wohnte mit Frau und Töchtern in einem Häuschen außerhalb des Dorfes und hatte sich hier völlig von der Welt abgeschlossen. Es schloss sich hier zwischen seinen Bildern in seinem Atelier ein, das selten oder nie aufgeräumt wurde, und ließ nicht einmal Frau und Kinder einen Blick auf seine Arbeit tun. Als ich einst mit Vogeler bei Modersohn war, wurde der Plan gefasst, mit List und Tücke in sein Heiligtum zu dringen. Er hatte Vogeler gern, und es war zu hoffen, dass dieser erreichen würde, was den nächsten Angehörigen versagt blieb. Wir fanden den alten Mann im Wohnzimmer, mit einem langen Hausrock bekleidet und rührend anzusehen. Wir kamen mit ihm ins Gespräch, lobten seine Bilder, die im Zimmer an den Wänden hingen, und erweichten sein bescheidenes, fast ängstliches Gemüt so sehr, dass er wirklich einer plötzlichen Bitte nicht ausweichen konnte und mit uns zum Atelier ging.

Als er die Tür aufschloss, drängte auch Frau Modersohn, seine Tochter, hinein. Aber der alte Mann wandte sich in höchster Erregung um und schrie sie an: „Du bleibst draußen! Nein, nein, ich will nicht!“ Nur unseren stürmischen Bitten und der überrumpelnden Art unseres Eintretens gelang es, seinen väterlichen Zorn zu brechen. Und dann waren wir in seiner Welt, die fast schon der Vergangenheit angehörte. Unzählige Bilder, große und kleine, fertige und unfertige, standen an den Wänden. Uniformen, Waffen und andere Soldatenutensilien hingen umher. Über allem lag der Staub von Jahren.

Und Breling selbst stand dazwischen, wie wir uns etwa den alternden Rembrandt denken mögen oder wie ihn doch ein holländischer Meister hätte malen können: mit Hausschuhen, langherabwallendem, zerschlissenem Rock, um den Hals ein großes graues Tuch geschlungen und auf dem Kopf einen alten Filz.

Sein Kopf war gesenkt. Wenn er sprach, sah er uns nicht an. Er kramte umständlich zwischen seinen Bildern, stellte dieses und jenes auf die Staffelei und erzählte mit zitternder Stimme von seinen Arbeiten. Was wir sahen, war zum größten Teil gute Malerei. Kriegsbilder herrschten vor. Dann kamen Selbstportraits und eine große, in den Farben prächtige Circusszene aus dem Dorf. Es war uns rätselhaft, wie jene Kriegsbilder entstanden sein mochten. Wir hörten darüber seltsame Geschichten. Draußen im Garten, vor dem Fenster, stand ein hölzerner Bock, der als Pferdemodell diente. Ein Bursche aus dem Dorfe, in Uniform gesteckt, musste darauf reiten. Und während Breling auf der Fensterbank eine Rauchpatrone zur Entzündung brachte, sah er Ross und Reiter im Pulverdampf und hatte so die etwas bescheidene Illusion einer Schlacht. Im Hause liefen unterdessen Frau und Töchter ängstlich umher, denn sie konnten sich die Knallerei nicht erklären, und die Tür zum Atelier blieb verschlossen, hinter der ihr alter Vater, zufrieden lächelnd, die Pulverdampfvisionen auf die Leinwand brachte.

Das Seltsamste aber war folgendes: In Köln (1912) fand um diese Zeit eine Ausstellung französischer modernster Meister statt, in der auch der radikalste Expressionismus nicht fehlte. Ich war mit Vogeler dort. Die Ausstellung war glänzend. Zwischen van Gogh, Cézanne und Gauguin hingen auch einige Bilder von Paula Modersohn, die sich nicht nur behaupteten, sondern aufs Stärkste hervortraten. Von dieser Ausstellung hatte der alte Breling, der seit vielen, vielen Jahren Fischerhude nicht verlassen und keine Eisenbahn benutzt hatte, gehört. Eine innere Erregung hatte sein Malerherz gepackt. Er war allein stantepede nach Köln gereist. Als er wiederkam, blieb er schweigsam und schloss sich ein.

Und was tat er? Er wurde wieder jung, brach mit allen Überlieferungen aus seinem Leben und malte impressionistische Stillleben. Diese sahen wir voll Staunen zwischen altem Gerümpel und Gemoder auf den Staffeleien stehen wie Blumen in welkem Laub.

Nie werde ich den alten Mann vergessen, der alles iridsche Verlangen abgestreift hatte und nur noch in seiner Kunst lebte.

„Mit nichts ist’s gemacht“

Bis zuletzt war Heinrich Breling ein eifriger, allem Neuen aufgeschlossener Beobachter der künstlerischen Entwicklung seiner Zeit. Er sah die ersten Ausstellungen der Nachimpressionisten, van Gogh, Gauguin, Cézanne und Manet in Bremen, Berlin und Köln, wie aus Briefen aber auch Tagebucheintragungen Otto Modersohns hervorgeht. So notierte er 1911 in Berlin „ … begeisterten uns zusammen für die Franzosen in der Nationalgalerie, vor der Monetschen Sommerlandschaft sehe ich den Vater Breling noch stehen: „O – o – mit nichts ist’s gemacht – hm –hm“. Wie hoch Otto Modersohn die Kunst, besonders des späten Brelings, einschätzte und wie er dem von Sorgen bedrückten, um Anerkennung ringenden, sechzehn Jahre älteren Kollege und seiner Familie in schwerer Zeit Mut machte und half, geht aus einem Brief der Mutter Breling an ihren Mann hervor: „Muth … es wird alles werden. Modersohn hat gesagt, er hätte Dein Bild in Berlin gesehen, keiner in Worpswede, der so malen könnte … und zeichnen. Sie würden froh sein, wenn sie so einen Maler in Worpswede hätten!!! Leider sähe man von Dir nie etwas!“ (1909)

Die Selbstporträts – frei von Zwängen, sein persönlichsten Bilder

Bervor Heinrich Breling am 6. September 1914 in seinem Fischerhuder Atelier einem schweren Herzleiden erlag, entstanden dort oder im Garten, da er keine weiten Wege mehr gehen konnte, Licht, Luft und Farben studierend, eine Reihe seiner wohl wichtigsten Bilder. Frei von Zwängen malt er eindringliche Selbstbildnisse, die in diesem Katalog nun wohl vollzählig gezeigt werden.

Anhand dieser Selbstporträts, von denen eines nicht mehr vollendet werden konnte, lässt sich Heinrich Brelings gesamte malerische Entwicklung von den dunklen, tonigen Anfängen bis hin zur lichtdurchfluteten Darstellung ablesen. Es ist eine rein malerische Auseinandersetzung mit sich selbst, und da steht er in der Tradition von Paul Cézanne und Vincent van Gogh.

Anmerkungen zu Leben und Werk von Heinrich Breling

von Jörg Paczkowski