Otto Modersohn Museum

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Christian Modersohn Stiftung

Christian Modersohn – Geborgen unter der Weite des Himmels

Christian Modersohn, geboren am 13. Oktober 1916 in Bremen, war der jüngste Sohn von Otto Modersohn und Louise Modersohn-Breling. Er verbrachte seine Jugend in Fischerhude, unter dem auch ihn prägenden Eindruck des Spätwerks seines Vaters, und im Allgäu, wo seine Mutter ab 1930 am Gailenberg bei Hindelang einen 200 Jahre alten Bergbauernhof als Zweitwohnsitz bewirtschaftete.

Er wurde Maler, wie sein Vater und sein älterer Bruder Ulrich, studierte wie dieser ebenfalls an der Nordischen Kunsthochschule in Bremen und an der Kunstakademie in München. 1939 wurde er zum Kriegseinsatz eingezogen. Viele Aquarelle und Zeichnungen bezeugen nach-haltig den unvergesslichen Eindruck, den das Kriegsgeschehen, die russische Landschaft und die menschlichen Begegnungen in ihm hinterlassen haben. 1943 wird zum Schicksalsjahr für Christian Modersohn und seine Familie. Am 10. März stirbt sein Vater, am 14. Juli fällt sein Bruder in Rußland und am 5. August wird seine Cousine Cato Bontjes van Beek, die wegen Beihilfe zur Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt war, hingerichtet. Das Kriegsende erlebt er in Fischerhude, wo er es nicht verhindern kann, dass der Nachlass seines Vaters durch englische Soldaten zu einem großen Teil zerstört wird.

1946 zieht Christian Modersohn zu seiner Mutter ins Allgäu, lernt dort seine spätere Frau Anna Lipp kennen und richtet in der Diele des Bergbauernhofs eine erste Familiengalerie ein. Die Bergbilder seines Vaters finden ein Forum, aber auch das westfälische Frühwerk, die Worpsweder Bilder und das Fischerhuder Spätwerk werden hier in ersten Ausstellungen thematisiert.

1957 folgt dann der Abschied vom Allgäu. Das Haus wird verkauft und ein neues in Fischerhude gebaut, auf einer Eichenwiese, die Christian Modersohn bald nach dem Tod seines Vaters erwerben konnte.

Wie schon sein Vater Otto Modersohn und Großvater Heinrich Breling, für deren Leben und Werk die Eigenart des an und zwischen Wasserläufen gelegenen kleinen Dorfes Fischerhude bestimmend geworden war, hatte auch Christian Modersohn dort Wohnung und Atelier in unmittelbarer Nähe der Wümme, und damit eine der einzigartigen Feucht- und Flußlandschaften ständig vor Augen. Seit mehr als siebzig Jahren bildete die flache, Wiesenlandschaft um Fischerhude mit der Wümme und ihren zahlreichen Wasserarmen den Mittelpunkt seiner künstlerischen Arbeit, trotz langer Aufenthalte in den Bergen und Reisen nach Frankreich, Italien und an das Meer.

Die weite Flußlandschaft mit dem stets wechselnden hohen Himmel darüber und dem zwischen alten Eichen gelegenen Dorf zog ihn seit seiner Jugend magisch an. Das Erlebnis der Weite, die – bei aller Grenzenlosigkeit, so wie am Meer – ihm ein tiefes Gefühl von Geborgenheit vermittelt, indem sie den Menschen zurückführt auf sich selbst und seine Begrenztheit, war prägend. Da war eine Reihe alter Erlenbäume am Ende der Wiese vor seinem Atelierfenster, mit der Wümme und dem Waldstück Surheide im Hintergrund, die Christian Modersohn schon lieben gelernt, gezeichnet und gemalt hatte, lange bevor er 1957 endgültig nach Fischerhude, in die hintere Bredenau zog.

Jahres- oder tageszeitlich zeigte die Landschaft ihm ein sich ständig wandelndes Bild. Er fühlte sich angehörig, als Teil eines lebendigen Ganzen, wie das Stück Natur vor ihm, das immer wieder – entsprechend der eigenen Stimmung – neue Inspiration zu künstlerischer Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Ergebnissen bot.

Angeregt war Christian Modersohn von der Eigenart des Lichts, das hier oft über der Landschaft liegt, von ihrer Weite gefangen genommen, am Abend erhöht auf der Brücke über dem Nordarm der Wümme stehend. Besonders in den langen Wintermonaten, wenn dieses Licht die Landschaft einfach, ernst und groß und unendlich weit und vielfältig erscheinen lässt.

Um diese, dem schnellen Wechsel sich wandelnder Natureindrücke unterworfenen Bilder, besonders vor Sonnenaufgang oder bis zum letzten Widerschein eines Abendhimmels vor Einbruch der Nacht in ihrem Wesen zu erfassen, schien Christian Modersohn schon immer die Wasserfarbe, das Aquarell, das ihm gemäße Mittel, um dem, was er fühlte und sah, am unmittelbarsten Ausdruck zu geben. Auch wenn er oft am selben Standort malte und manches Motiv ähnlich erscheint, so ist kein Blatt dem anderen gleich. Der Wechsel von Farbe und Licht wird zum eigentlichen Inhalt der Bilder. Es sind keine Abbilder sondern gefühlte Erscheinungen. Seine Bilder werden zu einem Ausschnitt der Schöpfung, die uns – wenn wir bereit und offen sind – an der Schöpfung teilhaben lassen.

Das bewunderte Christian Modersohn an den meisterhaften, Aquarellen der Engländer Turner und Constable, oder an Cézanne, des großen Klassikers der Moderne, um Namen zu nennen, auf die ihn sein Vater schon früh hingewiesen hatte. Licht als Untergrund (Malgrund) entsteht hier durch die Transparenz der Farben. Ihre ineinander fließenden Töne und Brechungen zum Horizont hin, erzeugen ein ähnliches Gefühl von
Raum und Weite wie in der Natur selbst. Farben und Formen, Natur und Phantasie bleiben ständig in Bewegung, auch für den Betrachter, und oft überraschen gerade in der Wiederholung vor dem gleichen Motiv, im Wechsel von Stimmung und Ausdruck, Farbe und Form, ganz frei und unendlich mannigfaltig, und doch gebunden, eingebunden in die Ganzheit der Schöpfung.

Realität und Phantasie, Sichtbares und Unsichtbares ergänzen und durchdringen sich wechselseitig, wie es Rilke in seiner 1903 erschienenen „Monographie einer Landschaft“ zu Beginn des Aufbruchs in ein neues Jahr-hundert schon unvergleichlich formuliert hat, daß das eigentliche „Thema und die Absicht aller Kunst“ im „Ausgleich zwischen dem Einzelnen und dem All“ liege, und daß „der künstlerisch-wichtige Moment derjenige“ sei „in welchem die beiden Waagschalen sich das Gleichgewicht halten.“ „Es ist nicht der letzte und vielleicht der eigentümlichste Wert der Kunst, daß sie das Medium ist, in welchem Mensch und Landschaft, Gestalt und Welt sich begegnen und finden.“

„Wir leben im Zeichen der Ebene und des Himmels. Das sind zwei Worte, aber sie umfassen eigentlich ein einziges Erlebnis: die Ebene. Die Ebene ist das Gefühl, an welchem wir wachsen. Wir begreifen sie, und sie hat etwas Vorbildliches für uns; das ist uns alles bedeutsam: der große Kreis des Horizontes und die wenigen Dinge, die einfach und wichtig vor dem Himmel stehen… die Wege und Wasserläufe führen weit in den Horizont hinein. Dort beginnt ein Himmel von unbeschreiblicher Veränderlichkeit und Größe. Er spiegelt sich in jedem Blatt. Alle Dinge scheinen sich mit ihm zu beschäftigen, er ist überall.“

Christian Modersohn suchte nach der Brücke, die vom Sichtbaren ins Unsichtbare führt. Wenn man das Unsichtbare begreifen will, muß man so tief wie möglich in das Sichtbare vordringen. Er empfand tiefste Ehrfurcht vor den Erscheinungen der Natur mit ihren Wiederholungen in den vielfältigsten Erscheinungen. Deren Darstellung in Tiefe, Höhe und Breite des Bildraums war ihm lebenslanges Thema.

Christian Modersohn hat etwas sehr seltenes vollbracht: Neben dem Einsatz für das große Werk seines Vaters war ihm auch die Entwicklung eines eigenen künstlerischen Werkes vergönnt, das in seinen besten Beispielen einzigartig ist.