Otto Modersohn Museum

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Dorfstraße in Worpswede

Dorfstraße in Worpswede

2010 erwarb die Gesellschaft-Otto-Modersohn-Museum e.V.  das Bild Dorfstraße in Worpswede, 1897 für die Otto-Modersohn-Stiftung.
Der Erwerb erweitert die Stiftung um eines der wichtigsten Bilder Otto Modersohns aus den Worpsweder Jahren vor 1900. Otto Modersohn malte das Bild im Winter 1896/1897. Es zeigt eine Szenerie in der Worpsweder Dorfstraße „Im Rusch“.

1897 wurde es in der Großen Berliner Kunst-Ausstellung erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Atelierbuch verzeichnet den Eintrag: Dorfstraße (170 × 102) (verk. 1898 in Breslau Lichtb.). Besitzer: Herr Schäffer – Bielitz (Österreich) 1.200 M.

Er verkaufte das Bild 1898 im Lichtenberg Museum Breslau an den Tuchfabrikanten Victor Schaeffer, wohnhaft in Bielitz in österreichisch Schlesien für 1.200 Mark. Zuvor erhielt er am 3. März 1898 ein Telegramm: „Habe Gebot auf Dorfstrasse: 1.200 Mark, kann verkaufen? Kellner“. Otto Modersohn hatte diesem Angebot demnach zugestimmt.

Erwähnt wird das Bild dann 1903 in der kleinen Monographie WORPSWEDE herausgegeben in der Reihe DIE KUNST von Richard Muther mit einem Text von Hans Bethge im Verlag Bard-Maquardt & Co, Berlin: Katalog der Bilder und Radierungen auf Seite 70: 1897: Dorfstraße in Worpswede, Schäffer, Bielitz i. öster. Schl.

Nach dem Tod von Victor Schäffer erbte sein Sohn, der Kunsthistoriker Dr. Emil Schäffer (1874–1944), das Bild. Emil Schäffer heiratete 1908 Olga Mauksch (1887–1982). Die Ehe wurde geschieden. Nach der Trennung wurde ihr das Gemälde übereignet. Sie heiratete in zweiter Ehe den Pianisten, Komponisten und Musikpädagogen Bruno Eisner. Eisner war Kommunist und Jude und stand auf den Listen der Nazis. Deshalb entschloss sich das Ehepaar Mauksch-Eisner bereits 1933 zur Emigration nach Amerika. Bruno Eisner unterrichtete fortan als Musikpädagoge in New York.

Das Bild blieb zurück und wurde am 11./12. Juni 1936 im Kunstauktionshaus „Rudolf Lepke’s Kunst-Auctions-Haus“ in Berlin-Charlottenburg, Potsdamer Straße 122 a/b, durch Hans Carl Krüger zur Versteigerung unter der Nr.160 gebracht. Im Katalog 2104 ist es auf Tafel 4 unter dem Titel Sommertag in Worpswede abgebildet. Der Katalog preist das Gemälde „als eines der wichtigsten Bilder der Worpsweder Schule“ an.

Als Besitzerin wurde die jüdische Bürgerin Olga Eisner, geb. Lewin (sic) aus Berlin-Charlottenburg, Reichsstraße 2b (bei Engel) ausgewiesen. Der Preis für das Bild war mit RM 300 ausgesprochen niedrig angesetzt. Vermutlich wurde es nicht versteigert.

1937 kam es in München in der Großen Deutschen Kunstausstellung im Haus der Kunst unter der Nr. 491 und dem Titel Dorfstraße in Worpswede (Öl) im Saal 3 als einziges Bild Otto Modersohns zu zweifelhafter Ehre. Es war dort und im Katalog zur Ausstellung mit dem damals marktüblichen Preis von 3.500 Mark angeboten.

Sein Worpsweder Malerkollege Fritz Mackensen war mit dem Bild Gottesdienst im Freien aus der Niedersächsischen Landesgalerie Hannover vertreten. Man kann vermuten, dass sich das Bild Dorfstraße in Worpswede bereits in Staatsbesitz befand. Otto Modersohn musste also nicht um eine Leihgabe gebeten werden. Auch Bilder aus anderen Museen (etwa Sturm im Teufelsmoor aus dem Schlesischen Museum in Breslau oder Sturm im Moor aus der Neuen Pinakothek in München) wurden nicht angefordert, um Otto Modersohn repräsentativ herauszustellen. Es gibt im Otto Modersohn Museum keinerlei Unterlagen zu dieser Ausstellung, da Otto Modersohn selbst nicht Leihgeber war.

Nach einem Bericht seines Sohnes Christian Modersohn (1916–2009) war sein Vater mit ihm zur Eröffnung des „Haus der Kunst“ nach München gefahren. Obwohl ausstellender Künstler, wurde Otto Modersohn am Eröffnungstag der Zutritt zur Ausstellung verweigert, mit dem Hinweis, dass er über keine Ehrenkarte für den Tag der Eröffnung verfüge und am zweiten Tag wiederkommen möge. Christian Modersohn erinnerte sich zwar an den theatralischen Umzug und an die misslichen Begleitumstände (sein Vater war außer sich vor Wut: „So etwas ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht passiert; ich will wissen wo mein Bild hängt.“) leider aber nicht mehr an das dort gezeigte Gemälde seines Vaters. Christian Modersohn erinnerte sich weiter, dass sein Vater sehr enttäuscht von der Qualität der in München gezeigten neueren Bilder und Skulpturen war.

Der Vater des vorletzten Besitzers, Dr. med. Georg Koch, erwarb das Bild aus der Münchener Ausstellung im Glauben eines rechtmäßigen Ankaufs. Er selbst war von den „Nürnberger Gesetzen“ betroffen und wurde deshalb nicht zum Wehrdienst eingezogen. Er bewahrte das Bild bis zu seinem Tode 1977 als „Familienschatz“. Sein Sohn war nach Kanada ausgewandert und erbte das Bild. Er bot es im Januar 2009 dem Otto Modersohn Museum zum Kauf an.

Seit 2007 war das Bild mit Hilfe des Otto Modersohn Museums im Lost Art Register in Magdeburg erfasst. Dass es mit Restitutionsansprüchen behaftet war, wurde dem Otto Modersohn Museum erst im März 2009 bekannt.

Das Otto Modersohn Museum konnte in Absprache mit den Erben Mauksch/Eisner und ihren juristischen Vertretern eine finanzielle Einigung erzielen, die den Verzicht auf jeglichen Anspruch beinhaltet.

Das Bild wurde bereits aus dem Lost Art Register entfernt.

Der Ankauf wurde ermöglicht durch die großzügige Hilfe der Spender:

Waldemar Koch Stiftung, Bremen
Niedersächsische Sparkassenstiftung
Stiftung der Kreissparkasse Verden
Kulturstiftung der Länder
Ministerium für Wissenschaft und Kultur, Hannover
Bremer Landesbank
Flecken Ottersberg
Landschaftsverband Stade
Mitglieder der Gesellschaft-Otto-Modersohn-Museum e.V.
und zahlreiche private Spender