Otto Modersohn Museum

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Die Märchenerzählerin

2018 wurde der Ankauf des Bildes Die Märchenerzählerin, 1896, Öl auf Leinwand, 125 × 108,5 cm, signiert unten rechts: Otto Modersohn W. 96
Provenienz: Atelier Otto Modersohn, Sammlung Oskar Miller CH-Biberist bei Solothurn,
Privatbesitz Ch-Solothurn

durch die großzügige Hilfe folgender Spender ermöglicht:

Waldemar Koch Stiftung, Bremen
Niedersächsische Sparkassenstiftung
Stiftung der Kreissparkasse Verden
Kulturstiftung der Länder
Ministerium für Wissenschaft und Kultur, Hannover
Mitglieder der Gesellschaft-Otto-Modersohn-Museum e.V.
und zahlreiche private Spender

Otto Modersohns Märchenbilder – eine Zäsur in seinem Werk

Zum Ankauf des Bildes Die Märchenerzählerin

Rainer Noeres

Fünf Jahre nach Otto Modersohns Beschluss in Worpswede zu bleiben und nicht an die Akademien nach Karlsruhe oder Düsseldorf zurückzukehren, bekamen die „Worpsweder“, wie die Maler, die sich am Weyerberg zusammengefunden hatten, nun genannt wurden, im Frühjahr 1895 die erste Gelegenheit zu einer gemeinsamen Ausstellung in der Bremer Kunsthalle. Bremer Kunstfreunde erwarben für die Kunsthalle die Bilder „Der Säugling“ von Mackensen und „Herbst im Moor“ von Otto Modersohn. Beide Bilder sind bis heute fester Bestandteil der Dauerpräsentation im Worpswedesaal der Kunsthalle.

Die Reaktion der Presse und des Bremer Kunstpublikums war eher verhalten bis kritisch. Zu ungeschönt, ungewohnt – vielleicht zu wahrhaftig – war ihnen die Natursicht dieser jungen Maler aus dem Teufelsmoor, deren Anliegen nicht die romantische Verklärung einer unwiederbringlich verloren gegangenen, unberührten Natur war. Was sie malten, war die durch Menschenhand gestaltete Kulturlandschaft des entwässerten Moores, des Torfabbaus und der in dieser Landschaft tätigen Menschen. Was uns heute manchmal als Idylle erscheint, wurde vor 123 Jahren als durchaus verstörende Wüstenei empfunden. Diese neue Sicht auf die Natur war (mit Ausnahme von Heinrich Vogeler) das Verbindende unter den Malern.

Die Suche nach Naturwahrheit und Einfachheit in allen Lebensbeziehungen – auch in der Kunst – zieht sich wie ein Leitmotiv durch alle Tagebuchaufzeichnungen Otto Modersohns. Letztlich war es die Suche nach Stille und Einfachheit, die Otto Modersohn, Fritz Mackensen und die anderen nach Worpswede zogen. Auch Otto Modersohn war ein – wie Rilke später in der Worpswede-Monographie schreibt – Einsamer im Grunde, der, indem er sich der Natur zuwendet, das Ewige dem Vergänglichen, das im tiefsten Gesetzmäßige dem vorübergehend Begründeten vorzieht, und der seine Aufgabe darin sieht, die Natur zu erfassen, um sich selbst irgendwo in ihre großen Zusammenhänge einzufügen.

In Worpswede begegnete ihm eine Landschaft, die mit seinen damaligen Zielen im Einklang war. Ihre Weite und Stille, die Kargheit ihrer Struktur entsprach seiner Intention mit Wenigem viel zu sagen. „Bilder, die zur Stille führen, sind mir die liebsten. Sie haben für mich den höchsten ethischen Gewinn“ schrieb er in sein Tagebuch. Die Landschaft um Worpswede verkörperte jene Schlichtheit und Einfachheit, die seinen künstlerischen Vorstellungen gemäß war und dabei seiner Bemühung um Innerlichkeit nicht entgegen wirkte.

Der Präsident der Münchener Künstlergenossenschaft, Freiherr Eugen Ritter von Stieler war im Frühjahr 1895 auf dem Rückweg von einem Gratulationsbesuch bei Bismarck in Friedrichsruh. Noch hoch gestimmt machte er auf dem Weg nach Paris in Bremen Station, um die gleichzeitig mit den Worpswedern stattfindende Ausstellung der Münchener Künstlergenossenschaft in der Bremer Kunsthalle zu besuchen. Wohl eher beiläufig entdeckte er dabei auch die Maler aus dem Moor, deren Bilder einen starken Eindruck auf ihn machten und lud sie, bzw. Otto Modersohn, der zufällig zugegen war, zur Teilnahme an der Jahresausstellung von Kunstwerken aller Nationen im Münchener Glaspalast ein. Der Beitrag der Worpsweder war dann die Sensation dieser Ausstellung. „Sie waren das Ereignis der Saison. Mackensen und Modersohn vor allem. Modersohn vielleicht noch mehr.“ bewertete später Rilke.

Fritz Mackensen erhielt für sein Bild Gottesdienst im Freien die goldene Medaille. Otto Modersohn konnte wiederum ein Bild an ein Museum verkaufen. Die Neue Pinakothek erwarb das Bild Sturm im Moor.

Die Worpsweder waren über Nacht weitgerühmte Künstler und wurden in der Folgezeit zu zahlreichen Ausstellungen eingeladen. Otto Modersohn fühlte sich vielleicht zu Recht von vielen als das stärkste Talent der Worpsweder erkannt und versucht die besondere Wirkung seiner Bilder zu ergründen:

„Eine eigenthümliche, besondere, originelle Anschauung hat mir doch eigentlich 95 den Erfolg gebracht. Schlechtweg naturalistisch waren die Sachen nicht im Sinne der Düsseldorfer, Belgier, Schweden etc. Worin lag das Besondere? Neben großer, koloristischer Gesamtstimmung ging ich möglichst intim auf die Einzelheiten ein. Ein eigenthümlicher Reichthum in Farben, Nuancen und in den Formen. Ich liebte reiche Gegenständlichkeit. In alledem erkannte ich etwas Eigenes. … Das Geistige, Subjektive ist wunderbar, aber immer und immer aufs Genaueste und Intimste an die Natur halten, nur so bewahrt man sich vorm Fall, vor Leere, vorm Schema und Manier.“
(Aus: Otto Modersohn, Tagebuch, 6. November 1896)

Malte Otto Modersohn in den vorherigen Jahren vornehmlich kleinere Studien in der Natur, um sie dann im Winter als Material für die großen Atelierbilder zu nutzen, so ändert er sein Vorgehen im Sommer 1896. Er vermisst an seinen Bildern die intime Durchbildung des Vordergrundes. Zu häufig sind ihm seine Ölstudien zu summarisch im Eindruck. Es fehlen ihm botanischen Detailstudien, die er im Atelier dann ins Bild setzen kann. Er zeichnet nun vornehmlich Vordergrund- Landschafts- und Wolkenstudien. Modersohn liebt es, mit dem Skizzenblock durchs Land zu streifen, um zeichnend zu sammeln, zusammenzutragen, was ihm für seine Bilder nützlich zu sein scheint.

Die mittelgroßen Gemälde beginnt er im Sommer direkt in der Natur, um sie später in den Wintermonaten im Atelier zu vollenden. Auch sein malerisches Vorgehen ändert sich. Er untermalt seine Bilder nur noch selten. Vor der Natur legt er das Bild weitgehend mit kräftigen Farben und pastosem Auftrag an. Später im Atelier schleift er die Farbe, lasiert und kratzt, lasiert wieder, bis die Farbe die von ihm gewünschte Differenziertheit erreicht hat, wie im Bild Die Märchenerzählerin sehr schön zu sehen ist.

„Das Malen bereitet mir keine Schwierigkeiten nur Genuß. …
Ich arbeite unglaublich leicht, zuerst weil mein Gefühl für
alles so rege geworden und dann, weil ich die Technik immer
mehr beherrsche. Erst … pastos … untermalen
in einigen Stunden ist es gemacht, die Luft meist nicht.
Dann trocknen lassen. Dann lasierend, u. deckend, kratzend etc.
weiter oder fertig malen, einiges vielleicht beim dritten Übergehen,
das ist das ganze Geheimnis. Damit kann man Wunderwerke schaffen. …
Und dann frei, ja nicht ängstlich, zu detaillierend (ausführen),
alles makroskopisch, aufs Ganze sehen und doch im Einzelnem delikat.
Eine freie, leichte Technik ist vornehmlich Trägerin des Geistes,
bei einer ängstlichen, peinlichen verflüchtigt er sich meist.“
(Otto Modersohn, Tagebuch, 13. März 1896)

Auch 1896 sind sie wieder im Münchener Glaspalast vertreten. Otto Modersohn mit 11 Bildern in einem eigenen Saal. Der Schweizer Sammler Oscar Miller erwirbt die Bilder „Herbst im Moor“ und Die Märchenerzählerin. Das Bild Herbstlandschaft aus dem Teufelsmoor wird zwei Jahre später vom Schlesischen Museum in Breslau angekauft. Es ist, wie auch das Bild der Neuen Pinakothek, seit Kriegsende verschollen. Der Bremer Senator Marcus kauft das Bild Sommer am Moorkanal, das als Stiftung 1929 in die Sammlung der Kunsthalle Bremen kam.

 

Rainer Maria Rilke führt in seiner 1903 erschienenen Monographie über die Worpsweder Maler die Bedeutung der Kindheit für ihr weiteres Schaffen aus. Otto Modersohns Kindheit und Jugend waren von den Eindrücken der damals noch fast mittelalterlich wirkenden Städte Soest und Münster geprägt. Als Protestant im katholischen Münster aufgewachsen, war ihm die Position des „Sonderlings“ sehr bewusst. Sein Interesse für Geschichte, Sagen und Märchen war in frühester Jugend bereits geweckt. Die Stammbäume der europäischen Herrscherhäuser wurden von ihm in Alben erstellt. Zeichen- und Malbücher füllte schon der Knabe mit Darstellungen von Königen, Kaisern und Illustrationen von historischen Begebenheiten. Die phantastische Vorstellungswelt des Märchens wirkte auf seine künstlerische Begabung und Anlage in besonderer Weise phantasiebildend.

Erste Kompositionszeichnungen und Gemälde die inhaltlich über die reine Landschaftsdarstellung hinausgehen, finden sich bereits in der Mitte der 1890er Jahre in seinem Schaffen. Hänsel und Gretel, Waldhexe und das Bild Märchenerzählerin weisen auf einen Themenzusammenhang, den der Maler dann um 1900 wieder aufgreift und vertieft. Am Bild der Märchenerzählerin lässt sich zudem erkennen, mit welchen malerischen und maltechnischen Probleme er sich nach dem für ihn so erfolgreichen Jahr 1895 auseinandersetzte:

„Erst aufzeichnen und dünn, goldig braun (Luft nicht) untermalen (Tempera vielleicht), dann mit deckender Ölfarbe auf die Sachen losgehen, so fertig wie möglich. Alle Töne besonders dunkle Sachen heller malen, denn die Lasur soll die Sache erst vollenden. Dabei kratzen. So kann die Malerei wirklich delikat und köstlich werden. So werde ich in Zukunft malen. Große Wirkung aber mit reicher, delikater Technik. – Dann sagen mir nicht so kraftvolle Töne immer mehr zu, silbern, verschossen, blaß; – nicht so brüllend. Ich werde kleine Bilder wohl im Sommer draußen malen. Meine Phantasien – wie Träumerei, Märchenerzählerin, Hensel und Gretel -sagen mir sehr zu, überhaupt subjektive Kunst. Ich bin nie ein objektiver Naturalist. Ich kann es, aber es behagt mir nicht.“
(Otto Modersohn, Tagebuch 1895–1897, Seite 54; 11. und 22.4. 1896)

Rainer Maria Rilke gibt Modersohns Kindheitseindrücken in der Worpswede-Monographie eine weitreichende Bedeutung: „Das Gefühl für Sage und Märchen, das sich in Otto Modersohn und in seiner Kunst später so wundervoll entwickelt hat, ist aus diesen Eindrücken geboren worden; denn was sind Sagen anderes als Vergangenheiten, die sich in der Natur aufgelöst haben. Gestalten, die sich verschenkt haben an sie; ihre Zeit ist vorübergewesen, aber die Natur ist wie eine bleibende Zeit und hat Leben genug, um ihnen davon abzugeben und sie zu erhalten: Sie haben sich ihr angepasst; die Männer haben die Gebärden der Bäume angenommen und die Mädchen haben von den Bächen singen und von den Winden tanzen gelernt. Und nun leben sie in der Natur wie in einem See, aus dem sie manchmal auftauchen um Atem zu holen und um zu schauen, ob nicht am Ende der Gartenwege ein Mensch erscheint, den sie betrachten können. Denn sie sind noch nicht ganz so gleichgültig gegen den Menschen wie die Natur, in der sie leben; der Wald schaut immer in sich hinein und das Dunkel seiner hundert Augen ist in ihm. Sie aber horchen aus dem Wald heraus auf das Knirschen der Wege und auf die Stimmen, welche näher kommen. Das sind die Märchengestalten Otto Modersohns, und er mochte sie damals schon geahnt haben.“

Otto Modersohn, der sich grundsätzlich von Rilke als Maler verstanden fühlte, relativierte seine zuvor durchaus positive Bewertung am 2. März 1903 in seinem Tagebuch:

„Rilkes Buch ist sehr fein ohne Frage – es hat natürlich allerlei Schiefes. Bei mir betont er eigentlich nur den Märchenmaler – ich bin aber mehr. Die einfache, stimmungsvolle Moorlandschaft bildet immer einen Teil meiner Kunst. Ich will eben beides. Im einfachsten Stück Natur, in feiner Stimmung etc. kann eine sehr hohe Kunst sich äußern. Darum will ich natürlich auch meine Märchen malen.“

Otto Modersohn war also über die ihn etwas einschränkende Betonung auf den „Märchenmaler“ in der Darstellung Rilkes nicht glücklich. Schon am 21. Februar 1903, einen Tag vor seinem 38. Geburtstag, schrieb er an Carl Hauptmann:

„Gestern sandte ich Ihnen Rilkes Buch „Worpswede“ und ich hoffe, Sie werden daran einige Freude haben. Er hat doch vieles richtig gefühlt und gesagt und sich mit mir jedenfalls mit großer Liebe beschäftigt. Er betont mir das Märchenhafte etwas zu stark bei mir. Die einzelnen Gestalten finde ich sonst gut erfaßt.

In dieser Zeit besuchte auch der Lyriker Hans Bethge Otto Modersohn. Was er im Atelier sah, beschrieb er 1903 in einem Text, der in der Reihe „Sammlung illustrierter Monographien“ im Worpswede-Band erschien: „Otto Modersohn ist Empfindungsmensch durch und durch, und jeder Eindruck in der Landschaft wird ihm mit fast schmerzhafter Verschärfung offenbar. Er hat nichts vom kühlen Beobachter. Ihm gestaltet sich jede Stimmung zum Erlebnis. Er ist lediglich Landschafter. Was er an Gestalten in seine Bilder hinein setzt, will selten mehr bedeuten als ein Akzentuieren, ein erhöhtes Beseelen der landschaftlichen Töne. In letzter Zeit nimmt das Figürliche freilich bei ihm zu. Besonders märchenhafte Gestalten tauchen immer zahlreicher in seinen Tafeln auf: er ist seit Jahren mit Vogeler befreundet. Wir sehen die gold-haarige Waldfrau in schimmerndem Kleide mit kleinen Hutzelmännchen spielen; wir sehen den Märchenkönig, einen gemütlich schmunzelnden Greis, mit Zepter und Krone an blühendem Wegrand stehen; und eine Alte erzählt mit erhobener Hand dem vor ihr knienden, blütenbekränzten Kinde Fabeln und Sagen aus einer fernen Welt.

Modersohn könnte ohne ein dauerndes Leben in der Natur, mit deren Erscheinungen er ganz verwachsen ist, nicht existieren. Die Natur, der dieser Träumer mit einem beinahe wissenschaftlichen Interesse nachgeht, ist ihm die Mutter, die ihm alles gibt. Bezeichnend für ihn sind seine Sammlungen. In seinem Atelier stehen Vitrinen mit ausgestopften Vögeln, an der Wand hängen Kästen mit Schmetterlingen, Käfern und anderen Insekten, und um eins seiner Zimmer zieht sich ein Fries von getrockneten Blumen, Moosen und Gräsern unter Glas. Diesen Sammlungen gilt sein reges Interesse. In ihnen studiert er mit Vorliebe die Farben und Formen der Natur.

Modersohn ist ein weicher Mensch, sanft, fast nach der Art stiller Gelehrter nach außen hin, aber innen voll Leidenschaft. Das Düstere, Schwüle reizt ihn am meisten. In seinen Ölstudien wird er von keinem in Worpswede erreicht. Der Dämmerung hat er die tiefsten Stimmungen abgelauscht. Das Verschwimmende, Nicht-greifbare, spezifisch Poetische in der Landschaft überwältigt ihn, und bei ihm gibt es viel zu ahnen. Es kommt ihm zustatten, dass er kurzsichtig ist. Er fühlt gemeinhin nur das Große, Ganze und die breiten Farben in der Landschaft. Das Detail interessiert ihn nicht, da er es nicht sieht. Ein breites Goldgelb ist in seinen Bildern. Dann verfügt er über ein überraschend anmutiges Grün.

Er liebt das Moor, wenn es von den Stürmen des Herbstes durchbraust wird, so dass die goldig belaubten Birken mit ihrem zerzausten Gezweig sich niederbeugen gleich gespenstischen Wesen. Düstere Unwetter, jagende Wolken, Regengüsse, vom Winde gepeitschte Wasser, zerwehte, verwachsene Birken im Moor hat er immer mit Vorliebe gemalt. Dann hat er Hexenstimmungen festgehalten, die von einem unheimlich-märchenhaften Zauber sind. Eine krumme Hütte etwa mit riesigem Strohdach liegt in einem einsamen Wald, und eine buckelige Hexe am Krückstock humpelt davor herum, zwischen giftigen Pilzen und Blumen, oder sie sitzt auf einem morschen Stuhl und hält im Schoß ein schnurriges Erdmännlein, mit dem sie spielt. Hänsel und Gretel irren verlassen durch die geisterhaften Stämme einer Waldwildnis, die auf sie eindringen gleich lebenden Wesen. Oder er malt einen Nebelstrich bei Nacht, der sich um einen mondbeschienenen Busch von Birken herumzieht, und aus dem Nebel lösen sich leichtfüßige, duftige Gestalten los, die man mehr ahnt als schaut, weiße Elflein, einen biegsamen Reigen tanzend, während am Himmel ein phantastisches Gewölk aufsteigt, menschlichen Formen vergleichbar. – Solche Spukstimmungen verkörpert Modersohn in letzter Zeit besonders gern. Er sucht das unheimlich Beseelte in der Worpsweder Landschaft im Bilde zum Ausdruck zu bringen. Es ist klar, dass er sich hierzu als die passendsten Zeiten den Herbst und in engerem Sinne Dämmerung und Dunkelheit wählt.

Modersohn ist unter den Worpsweder Malern der produktivste. Neben seinen zahlreichen Bildern, die er gewöhnlich in einem oder in wenigen Tagen bei Ausnützung aller momentanen Kräfte schnell heruntermalt, und neben seinen vielen, besonders anziehenden Studien in Öl gibt es von ihm eine schier unendliche Fülle von Zeichnungen: kleine Kompositionen, aus denen sich dann zumeist die eigentlichen Bilder herausentwickeln. Es sind flüchtig mit Rötel und schwarzer Kreide beim Licht der Lampe hingeworfene Fantasien, nicht eigentliche Zeichnungen, sondern durchaus bildhaft gedachte Entwürfe. Man findet hier das, was man von den Tafeln her kennt, im Keim, übergossen von dem Reiz des Unmittelbaren, Erstempfundenen. Seine eigentliche Art ist: ein Stück aus dem wüsten Moor, mit verlassenen Katen, die mächtige, zerzauste Dächer auf ihrem Rücken schleppen. Trauernde Birken, durch die der Abendhimmel scheint. Dunkle Kanäle mit hohen Holzbrücken darüber. Der Rand eines Wassers mit braunen, zerfressenem Erdreich und welkenden Blumen. Mitten im Walde ein Hexenhaus. Das Moor im Dämmerlicht, bei Unwetter. Gestrüpp und ruppige Bäume, Geistern vergleichbar. Ahnungsvolle Dunkelheit, verlorene Träume in dem reichen Weben der Nacht. Dies ist Otto Modersohn.“

An Carl Hauptmann, dem älteren Bruder Gerhart Hauptmanns, selbst Dramatiker und Dichter, mit Otto Modersohn befreundet und 1900 ebenfalls bei den Festabenden auf dem Barkenhoff zugegen, schreibt er am 25. Februar 1901 einen Brief, der seine persönlichen Empfindungen in dieser Zeit offenbart.

„Ich stehe in einer Zeit des Werdens und Wachsens. Ich entdecke in mir manche bisher nur leise geahnte Seite und bin über-glücklich darüber. Ein so köstliches Gefühl hat mich noch nie erfüllt, solange ich male. Meine Phantasie eröffnet mir immer neue Gebiete und die Hand wird nicht müde die Gesichte auszuführen. … Staunen Sie, ich habe Könige und Prinzessinnen gemalt … Ich bin zu glücklich über diese Bereicherung, seelische Vertiefung und malerisch-koloristische Ausdehnung. Ich bin voller Schwung, stehe am Beginn einer ganz neuen Entwicklung; ich denke nicht darüber nach, folge ganz meinen inneren Trieben. Wer in mein Atelier tritt, staunt über diese Wandlung. Nie hätte ich das gedacht.“

Die Märchenbilder von Otto Modersohn sind keine Illustrationen, sondern stellen eine eigene Auseinandersetzung mit dem Gelesenen, oder richtiger mit dem Gehörten dar.

Wenn wir das Märchen kennen, überprüfen wir am Bild gleichsam unsere eigene Vorstellung von dem schon einmal gehörten Märchen. Der Märchenhörer erfasst in bildhaftem Begreifen psychische Wirklichkeit. Märchen sind nicht in einem äußeren, aber in einem inneren Sinne wahr. Sie sind nicht realistisch, sie spiegeln nicht oder nur bedingt äußere Wirklichkeit, wohl aber innere. Wenn sie nicht Wirklichkeit geben, so geben so doch „Wahrheit“.

Wie nah steht hier der Satz von Otto Modersohn:

„Malerei muß ganz Geist geworden sein, in jedem Strich und Druck und Punkt, – Ausfluß, Ausdruck des geistigen, inneren Schauens – das ist Malen“ (20.12.1903) und an anderen Stelle (1924) schrieb er: „Nicht der ist ein großer Maler, der die Natur getreulich wiedergibt, sondern der, der die Natur mit seiner Phantasie erfüllt und diese neu entstehen lässt, wie seine Phantasie sie schaut.“

So hat Modersohn auch die Märchen in seinen Bildern neu entstehen lassen.